IKI-NEIN: Warum ich das westliche Ikigai-Konzept satt habe und was das Original wirklich bedeutet

Ich sitze in einem Workshop. Rund um mich herum: ambitionierte Gründerinnen, Whiteboards, Moderationskarten. Die Aufgabe: Formuliere dein Ikigai. Vier Kreise, vier Fragen. Was liebst du? Was kannst du gut? Was braucht die Welt? Wofür zahlt jemand?

Ich spüre, wie sich Widerstand in mir aufbaut. Dann Wut.

Denn ehrlich gesagt: Ich liebe zum Beispiel mein Start-up nicht. Ich brenne nicht dafür. Ich sehe einen Bedarf. Ich mag die Herausforderung. Ich wachse an den Problemen, die es aufwirft. Aber diese Leidenschaft, dieses Feuer, das alle von mir zu erwarten scheinen: ich habe es nicht. Und in diesem Workshop wurde mir zum ersten Mal klar, wie viel Druck dieses kleine Venn-Diagramm erzeugt. Druck, der nichts mit Japan zu tun hat. Und erst recht nichts mit dem, was Ikigai ursprünglich bedeutet.

Acht Jahre Japan und kein einziges Venn-Diagramm

Ich habe acht Jahre in Japan gelebt. Acht Jahre, in denen ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigt habe, mit der Kultur, mit der Sprache, mit der Art, wie Menschen dort über ihr Leben nachdenken. In dieser Zeit habe ich mich auch gefragt, was ich eigentlich wirklich will. Eine schwere, schwanger-geladene Frage, die ich mit mir herumgetragen habe.

Und dann bin ich an meinen japanischen Freundeskreis herangetreten. Habe gefragt: Wie macht ihr das mit dem Ikigai?

Große Augen. Echte Verwunderung.

Denn das, was ich kannte – dieses Vier-Kreise-Modell mit Leidenschaft, Kompetenz, Weltbedarf und Gehalt – kannte dort niemand so. Das Konzept, das ich aus westlicher Literatur kannte, war in Japan nicht das, wovon meine Freunde sprachen. Ikigai, wie es dort verstanden wird, ist stiller. Alltäglicher. Weniger spektakulär.

Die Ironie ist fast schmerzhaft: Ich habe ein angeblich japanisches Konzept ausgerechnet im Westen kennengelernt und erst in Japan gemerkt, dass es gar nicht japanisch ist.

Der Skandal hinter dem Diagramm

Was kaum jemand weiß: Das berühmte Venn-Diagramm hat mit authentischem Ikigai nichts zu tun. Es wurde 2011 vom spanischen Astrologen Andrés Zuzunaga entwickelt, unter dem Namen Propósito, auf Deutsch: Zweck. Drei Jahre später stieß der britische Blogger Marc Winn auf das Diagramm, ersetzte das Wort „Zweck“ in der Mitte durch „Ikigai“ und veröffentlichte es. Der Beitrag ging viral. Seitdem gilt dieses umgelabelte spanische Diagramm weltweit als japanische Lebensweisheit.

Niemand hat nachgefragt. Niemand hat geprüft. Es klang gut, es sah gut aus und es passte perfekt in die westliche Obsession, Sinn und Einkommen in einem einzigen Konzept zu vereinen.

Das echte Ikigai ist anders. Das Wort setzt sich zusammen aus iki (Leben, lebendig sein) und gai (Wert, Nutzen): frei übersetzt: das, was das Leben lebenswert macht. Die Psychologin Mieko Kamiya, die in den 1960er-Jahren als erste systematisch über Ikigai forschte, entwickelte das Konzept in der Arbeit mit Lepra-Patienten. Sie erkannte, dass Ikigai eine tiefe Resilienzquelle ist, also unabhängig von Beruf, Einkommen oder gesellschaftlicher Anerkennung. Ikigai braucht weder finanziellen Erfolg noch Weltrettung. Es liegt in kleinen Momenten, in Ritualen, in Beziehungen. Ken Mogi, Neurowissenschaftler und einer der bekanntesten zeitgenössischen Ikigai-Forscher, nennt als erste Säule des Konzepts: klein anfangen. Nicht: eine Berufung finden.

Ikigai ist ein Zustand des Seins. Kein Karriereplan.

Warum „Folge deiner Leidenschaft“ ein gefährlicher Ratschlag ist

Zurück zu dem Workshop. Zurück zu meiner Wut.

Hinter dem Ikigai-Diagramm steckt ein Versprechen, das sich durch die gesamte westliche Selbstoptimierungskultur zieht: Wenn du das tust, was du liebst, wirst du erfolgreich – und wenn du nicht brennst, stimmt etwas nicht mit dir.

Das ist nicht nur falsch. Es kann echten Schaden anrichten.

Der Sozialpsychologe Robert J. Vallerand unterscheidet in seiner Forschung zwischen zwei Arten von Leidenschaft: harmonischer und obsessiver. Harmonische Leidenschaft lässt Raum für andere Lebensbereiche, für Erholung, für Scheitern. Obsessive Leidenschaft hingegen zieht den gesamten Selbstwert in den Sog der eigenen Performance. Wer obsessiv leidenschaftlich ist, definiert sich vollständig über Erfolg und Misserfolg im entsprechenden Bereich. Das Burnout-Risiko steigt paradoxerweise gerade weil man so sehr liebt, was man tut. Der Quarks-Daily-Podcast über Job und Zufriedenheit bringt es auf den Punkt: Leidenschaft ist ein zweischneidiges Schwert.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung.

Ich habe viele Jahre meiner Leidenschaft für das Maskenbild hinterhergerannt. Ich wollte unbedingt Make-up-Artistin werden, habe alles daran gesetzt, habe Mitte dreißig noch ein Studium angefangen, nur um festzustellen, dass ich in diesem Beruf gar nicht arbeiten möchte. Das eigentlich Schlimme daran: In all den Jahren davor hatte ich in verschiedenen Berufen echte Kompetenzen aufgebaut. Kompetenzen, die ich systematisch ignoriert habe, weil die Jobs ja nicht meine eigentliche Leidenschaft waren. Ich habe Erfolge gar nicht als solche wahrgenommen, weil sie nicht zum Narrativ passten, das ich mir selbst erzählt hatte.

Cal Newport, Autor von So Good They Can’t Ignore You, beschreibt genau diesen Mechanismus: Leidenschaft entsteht nicht zuerst und führt dann zu Kompetenz. Es ist umgekehrt. Kompetenz – echte, hart erarbeitete Stärke – erzeugt mit der Zeit Leidenschaft. Wer „folge deiner Leidenschaft“ als Startpunkt nimmt, hat die Kausalität verdreht.

Wut ist auch ein Motor

Meine Arbeit als Creative Director bei FEMPOWER.ME entstand nicht aus Leidenschaft sondern aus Wut. Aus dem Gefühl, dass etwas fehlt, dass etwas nicht stimmt, dass ein Bedarf da ist, den niemand adressiert.

Muss ich dafür brennen?

Ich glaube: nein. Ich wachse mit den Herausforderungen. Die Stärken, die ich dabei gewinne, könnten irgendwann zu echten Leidenschaften werden oder auch nicht. Beides ist in Ordnung. Spaß ist ein guter Motor. Neugier ist ein guter Motor. Wut auf einen Zustand, den man verändern will, ist ein sehr guter Motor.

Das westliche Ikigai-Modell hat für diese Realitäten keinen Platz. Es fragt nicht: Was treibt dich an, auch wenn es unbequem ist? Es fragt nicht: Welche Kompetenzen hast du, ohne sie zu lieben? Es fragt nicht: Wofür wirst du wütend?

Stattdessen suggeriert es: Wenn du nicht alle vier Kreise füllst, hast du dein Ikigai noch nicht gefunden. Finde es. Dann klappt alles.

Das ist ein Versprechen, das unter Druck setzt und selten eingelöst wird. Aktuelle Daten zeigen, dass in Deutschland nur etwa die Hälfte der Erwerbstätigen mit ihrem Job zufrieden ist, nicht einmal jede fünfte Person sich als hochmotiviert bezeichnet. Der Anspruch, in der Schnittmenge von Leidenschaft, Talent, Weltbedarf und Einkommen zu leben, ist für die meisten Menschen schlicht unrealistisch.

IKI-NEIN und IKI-HAI

Ich sage IKI-NEIN zu dem Venn-Diagramm, das nie japanisch war. Zu dem Druck, der Leidenschaft als Voraussetzung für Sinn definiert. Zu dem Narrativ, dass Kompetenzen nur zählen, wenn man für sie brennt. Zu Workshops, in denen Wut keinen Platz hat.

Und ich sage IKI-HAI – ja – zu dem, was Ikigai im Original meint: sich über kleine Dinge zu freuen. Im Moment zu sein. Nicht alles monetarisieren zu wollen, was Freude bereitet. Sinn in Alltäglichem zu finden, in Beziehungen, in Ritualen, in dem stillen Gefühl, dass dieser Moment es wert ist.

Das braucht kein Diagramm.

Und es braucht keine Leidenschaft, die man sich erst noch suchen muss.

Quellen

Vallerand & Rahimi, On the Passion Scale (2023); Quarks Daily Spezial: Job, Arbeit, Zufriedenheit; Cal Newport, So Good They Can’t Ignore You (2012); Mieko Kamiya, Ikigai-ni-Tsuite (1966); Ken Mogi, The Little Book of Ikigai (2017)

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