Mitte dreißig hatte ich alles, was von außen als angekommen gilt. Einen guten Job, eine tolle Wohnung mitten in Tokyo, ein Leben mit funktionierender Routine. Ich habe gekündigt, bin zurück nach Deutschland und habe ein Zweitstudium angefangen, Maskenbild an der HfbK. Die Reaktionen darauf hatten auffallend oft dasselbe Wort dabei: mutig.
Mutig klingt freundlich und ist meistens auch so gemeint. Trotzdem verrät das Wort, woran eine Entscheidung gemessen wird. Niemand nennt eine Zweiundzwanzigjährige mutig, weil sie das Fach wechselt. Ihr Suchen gilt als Entwicklung und braucht keine Auszeichnung. Dasselbe Suchen ein paar Jahre später bekommt ein Etikett, das nach Anerkennung klingt und nebenbei festhält: Hier weicht jemand ab.
Dabei hat die Entwicklungspsychologie für diese Jahre längst eigene Aufgaben beschrieben. Erik Erikson ordnete dem Alter zwischen 40 und 64 ein eigenes Entwicklungsstadium zu, in dem es darum geht, etwas aufzubauen, das über einen selbst hinausweist. Entwicklung endet in diesen Modellen nirgends mit der Jugend. Nur der Alltagsblick tut so, als wäre nach dreißig alles Wartung.
Die Uhr, nach der niemand gefragt hat
Warum das Suchen trotzdem als Abweichung gelesen wird, hat die Psychologin Bernice Neugarten schon in den Sechzigern beschrieben. Sie nannte es die soziale Uhr: den kulturell definierten Fahrplan, der festlegt, wann Ausbildung, Beruf, Familie und Ruhestand stattzufinden haben. Wer im Takt bleibt, bekommt Unterstützung und Anerkennung. Wer abweicht, ob verfrüht oder verspätet, erzeugt sozialen Druck und Rechtfertigungsbedarf. Diese Uhr hängt in keinem Amt und steht in keinem Gesetz. Sie stellt trotzdem die Fragen, die auf Familienfeiern beantwortet werden müssen. Und wenn sie höflich sein will, spricht sie in Komplimenten.
Dass die Lebensmitte darüber hinaus als Krisengebiet gilt, ist selbst eine Erfindung mit Datum. 1965 prägte der Psychoanalytiker Elliott Jaques den Begriff der Midlife-Crisis, und die Erzählung verbreitete sich schneller als jede Zahl, die sie stützen könnte. In der amerikanischen MIDUS-Langzeitstudie geben je nach Auswertung 10 bis 26 Prozent der Erwachsenen im mittleren Alter an, eine solche Krise erlebt zu haben. Rund drei Viertel kennen sie höchstens vom Hörensagen. Die Krise blieb die Ausnahme, während ihre Erzählung zur Regel wurde. Für alle, die in dieser Phase etwas Neues anfangen, hat das Folgen: Der Aufbruch wird durch die Krisenbrille gelesen, als Symptom, als Kurzschluss, als Phase, die man besser ausgesessen hätte.
Gesucht wird trotzdem
Die Beratungsstatistik erzählt derweil eine andere Geschichte. Die Zahl der Beschäftigten, die erstmals eine Berufsberatung im Erwerbsleben in Anspruch nahmen, stieg von rund 45.000 im Jahr 2021 auf knapp 60.000 im Jahr 2024. 62 Prozent von ihnen waren Frauen (IAB und Bundesagentur für Arbeit, 2024). Es suchen also viele, und es suchen vor allem Frauen.
Die Strukturen, auf die sie treffen, sind der sozialen Uhr treu geblieben. Wer über 55 ist, bleibt von zulassungsbeschränkten grundständigen Studiengängen vielerorts juristisch ausgeschlossen (FernUniversität in Hagen, 2022). Womit die Uhr eben doch in einem Amt hängt.
Und ausgerechnet die Lebenszufriedenheit widerspricht dem Bild vom riskanten Spätstart. Die Ökonomen David Blanchflower und Andrew Oswald haben Daten von über zwei Millionen Menschen aus mehr als 80 Ländern ausgewertet. Die Zufriedenheit verläuft demnach als U-Kurve mit einem Tiefpunkt bei durchschnittlich 44 Jahren, ab Anfang fünfzig steigt sie wieder. Genau in dem Alter, in dem das Umfeld anfängt, Mut zu attestieren, beginnt statistisch die bessere Hälfte. Was von außen wie ein Wagnis kurz vor Ladenschluss aussieht, liegt auf der Kurve am Fuß des Anstiegs.
Vielleicht liegt die Irritation auch daran, dass einer Frau in den Vierzigern das Unbedachte kaum noch zugestanden wird. Mit achtzehn habe ich Entscheidungen getroffen, ohne die Folgen durchzurechnen, und niemand hat ein Wort darüber verloren. Heute wird erwartet, dass ich abwäge, absichere, begründe. Das Ergebnis ist eine seltsame Umkehrung: Je mehr Erfahrung eine Frau mitbringt, desto erklärungsbedürftiger wird ihre Entscheidung. Als wüchse mit jedem Jahr die Beweislast dafür, dass man das eigene Leben noch einmal anfassen darf.
Wer abweichen darf, ist auch geregelt
Zur Wahrheit gehört, dass der Neuanfang kein frei verfügbares Gut ist. Frauen leisten laut Bertelsmann Stiftung täglich gut die Hälfte mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. In der wöchentlichen Erwerbsarbeitszeit liegen sie im Schnitt 7,9 Stunden darunter. Ein Neuanfang braucht Zeit, Rücklagen und die Möglichkeit, eine Weile weniger zu tragen. Das Kompliment ist deshalb ebenfalls ungleich verteilt. Es geht an die, die sich die Abweichung leisten konnten, und schweigt über die, die vor lauter Getragenem gar nicht zum Abweichen kommen.
Ich bin nochmal fünfzehn, nur mit Steuernummer. Der Satz gefällt mir, weil er nicht ganz stimmt. Mit fünfzehn war mein Suchen unsichtbar, es wurde schlicht erwartet. Heute ist es sichtbar genug für Komplimente. Wenn das nächste Mal jemand mutig sagt, werde ich mich bedanken. Und mir wünschen, dass das Wort irgendwann arbeitslos wird.
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