Die 3-Klick-Regel gehört zu den Sätzen, die einem beim Thema Website ständig entgegenkommen. Jede Information muss in maximal drei Klicks erreichbar sein, sonst ist die Besucherin weg. Der Satz steht in Ratgebern, in Blogartikeln, in Checklisten und er klingt jedes Mal so vernünftig, dass niemand nachfragt. Ich habe irgendwann nachgefragt, allerdings zuerst bei mir selbst. Wie klicke ich eigentlich?
Die ehrliche Antwort: Ich klicke gern. Wenn mich eine Seite neugierig gemacht hat, klicke ich weiter, ein viertes Mal, ein fünftes Mal, ohne mitzuzählen. Genauso scrolle ich, wenn mich eine Seite hält. Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Der Heatmap-Dienst ClickTale wertete fast 100.000 Seitenaufrufe aus und fand, dass auf 76 Prozent der Seiten gescrollt wird, oft bis ganz nach unten, unabhängig davon wie lang die Seite ist. Was mich aussteigen lässt, ist weder das eine noch das andere. Ich steige aus, wenn ich das Gefühl verliere, auf dem richtigen Weg zu sein. Ein Klick ins Leere und ein Scrollen ins Nichts wirken gleich. Meine eigene Nutzung widersprach der Klick-Regel also ziemlich deutlich, an mir ließ sich nichts abzählen. Zeit nachzusehen, woher sie überhaupt kommt.
Die Regel wurde behauptet, nie belegt
Die 3-Klick-Regel hat einen Urheber. Der Webdesigner Jeffrey Zeldman schrieb sie 2001 in seinem Buch „Taking Your Talent to the Web“ auf: Wer nach drei Klicks nicht findet, was sie sucht, verlässt die Seite frustriert. Eine Untersuchung dazu lieferte er nicht. Die Regel war eine Vermutung aus einer Zeit, in der jeder Klick eine neue Seite lud und jede Seite über ein Modem kroch. Damals war Klicksparen tatsächlich Nutzerfreundlichkeit, weil jeder Klick Wartezeit kostete.
Die Vermutung wurde geprüft, nur zwei Jahre später. Joshua Porter untersuchte 2003 für die Usability-Firma UIE, was nach dem dritten Klick wirklich passiert. 44 Testpersonen, 620 Aufgaben, über 8.000 ausgewertete Klicks. Das Ergebnis: nichts. Kein Abbruchknick nach dem dritten Klick, kein Einbruch der Zufriedenheit. Die Testpersonen klickten einfach weiter, manche besuchten bis zu 25 Seiten, solange sie das Gefühl hatten, ihrem Ziel näherzukommen. Porter fand noch etwas Interessanteres. Wenn Nutzerinnen sich über zu viele Klicks beschwerten, war das ein Symptom. Das eigentliche Problem war, dass sie nicht fanden, was sie suchten. Die Klicks bekamen die Schuld, weil sie das Sichtbarste waren.
Jakob Nielsen, einer der bekanntesten Usability-Forscher, lieferte später den Befund, der die Regel endgültig auf den Kopf stellt. In einem seiner Tests stieg die Auffindbarkeit von Produkten in einem Onlineshop um 600 Prozent, nachdem das Design so geändert wurde, dass die Produkte vier statt drei Klicks von der Startseite entfernt lagen. Ein Klick mehr, sechsmal bessere Ergebnisse. Die Zahl Drei hat für unser Verhalten im Netz schlicht keine Bedeutung.
Was zählt, ist die Fährte
Wovon hängt es dann ab, ob jemand weiterklickt? Die Forschung hat dafür ein Bild gefunden, das ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Peter Pirolli und Stuart Card entwickelten in den 1990ern am Forschungszentrum Xerox PARC die Theorie des Information Foraging. Sie hatten beobachtet, dass Menschen im Netz nach denselben Mustern suchen wie Tiere nach Futter. Ein Tier folgt einer Spur, solange die Witterung stärker wird. Wir folgen Links, solange jeder Klick das Gefühl verstärkt, auf dem richtigen Weg zu sein. Die Forscher nennen das Information Scent, die Fährte.
Jeder Menüpunkt, jeder Button, jede Linkbeschriftung gibt Witterung ab. Ist sie stark, klicken wir weiter, gern auch fünfmal. Wird sie schwach, weil ein Begriff unklar ist oder der Klick woanders hinführte als erwartet, brechen wir ab. Beim zweiten Klick genauso wie beim vierten. Genau das hatte ich an mir selbst beobachtet, ohne den Begriff zu kennen. Ich klicke weiter, wenn ich überzeugt bin. Die Überzeugung entsteht vor dem Klick, an der Beschriftung.
Die Regel schadet mehr als sie nützt
Man könnte die 3-Klick-Regel als harmlosen Irrtum abhaken, wenn sie folgenlos bliebe. Sie bleibt es nicht. Wer Klicks spart, muss die Inhalte woanders unterbringen und dafür gibt es zwei Wege. Der erste: das Menü aufblähen, bis es jede Unterseite direkt anbietet und die Besucherin vor fünfzehn Begriffen steht, von denen sie zwölf raten muss. Der zweite: alles auf eine Seite packen und die Besucherin scrollen lassen, bis sie vergessen hat, wonach sie suchte. Beide Wege erzeugen genau die Frustration, vor der die Regel angeblich schützt. Der Klick war nie das Hindernis. Das Raten an der Gabelung ist es.
Für deine Website heißt das etwas sehr Entlastendes. Du darfst deine Inhalte staffeln. Eine Angebotsseite, die zur Detailseite führt, die zum Erstgespräch führt, ist kein Umweg. Sie ist eine Fährte, wenn jede Station hält, was die Beschriftung davor versprochen hat. Vier klare Klicks führen weiter als zwei, an denen geraten werden muss. Die Arbeit steckt in den Begriffen. „Angebot“ schlägt jede kreative Eigenkreation, hinter der sich niemand etwas vorstellen kann, denn Konventionen geben Sicherheit. Deine Besucherin will an keiner Stelle originell überrascht werden. Sie will an jeder Stelle wissen, wo sie ist und wohin der nächste Schritt führt.
Die 3-Klick-Regel wird trotzdem weiterleben, vermutlich auch die nächsten 25 Jahre. Sie gibt etwas zum Zählen und Zählen fühlt sich nach Arbeit an. Die Fährte lässt sich schlechter zählen. Man riecht sie nur, wenn man die eigene Website so liest, wie eine Fremde sie liest.
Ich habe meine Klicks nie wieder gezählt. Ich merke mir stattdessen die Stelle, an der ich zuletzt raten musste.
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