Man hat mich eine richtige Powerfrau genannt. Mehr als einmal, und immer freundlich. Ich habe mich bedankt. Ich habe das Wort selbst benutzt, für andere Frauen. Es fühlte sich an wie ein Orden. Eine Frau, die viel stemmt, bekommt ein Wort, das nach Kraft klingt, was sollte daran falsch sein.
Dann saß ich mit einer Freundin zusammen und wir redeten über genau solche Wörter. Irgendwann stellte eine von uns die Frage, die seitdem nicht mehr weggeht: Wo ist eigentlich der Powermann?
Ein Katalog, der nur in eine Richtung existiert
Sucht man ihn, findet man ihn nirgends. Die Powerfrau steht im Duden als Jargon für eine „tüchtige Frau voll Kraft und Stärke“. Den Powermann führt kein Wörterbuch und kein Smalltalk. In einer Sprachempfehlung der Universität Potsdam taucht er nur als Testfrage auf: Würde man das Wort ebenso selbstverständlich verwenden? Man würde nicht. Man käme gar nicht auf die Idee.
Den Karrieremann gibt es sogar. Er steht im Duden, als abwertende Variante des Karrieristen. Nur benutzt ihn niemand. Das Kompetenzzentrum GIG7 hat 2021 genau diese Leerstelle beschrieben: Über arbeitende Männer wird gesprochen, ohne dass ihr Geschlecht dazugesagt werden müsste. Die Karrierefrau dagegen ist seit dem 18. Jahrhundert belegt und trägt bis heute einen Beiklang aus Kühle, Härte und rücksichtslosem Ehrgeiz. Der Duden selbst markiert sie als abwertend.
Die Reihe lässt sich verlängern. Working Mum ohne Working Dad. Girlboss ohne Boyboss, wobei der Girlboss die Frau in der Führungsposition gleich noch zum Mädchen verkleinert. Rabenmutter ohne Rabenvater im Sprachgebrauch. Und das Mannsweib, ein Wort, das eine Frau dafür bestraft, dass sie Eigenschaften zeigt, die man bei ihr nicht vorgesehen hat.
Die Wörter wirken unterschiedlich, mal als Lob, mal als Hieb. Gemeinsam haben sie eine Funktion: Sie markieren. Benannt wird, was vom Normalfall abweicht. Der Mann im Beruf braucht kein Etikett, er ist die Voreinstellung. Die Frau im Beruf bekommt eines, damit alle sehen, dass hier etwas Bemerkenswertes vorliegt. Eine Analyse zur Konstruktion der „Ausnahmefrau“ bringt es auf den Begriff des Obwohl-Aktivismus: Die Working Mum arbeitet, obwohl sie Mutter ist. Die Powerfrau hat Kraft, obwohl sie eine Frau ist. Im Lob steckt die Annahme, gegen die es gerichtet scheint.
Die Etiketten hören nach dem Smalltalk nicht auf
Man könnte das für eine Stilfrage halten. Die Zahlen sagen etwas anderes.
Eine computerlinguistische Auswertung von über 25.000 Leistungsbeurteilungen (Textio) zeigt, dass Frauen 22 Prozent mehr Rückmeldung zu ihrer Persönlichkeit bekommen als zu ihrer fachlichen Leistung. Und die Adjektive sortieren sich nach Geschlecht: Bei Frauen dominieren Fleißwörter wie hardworking und diligent, bei Männern Ausnahmewörter wie brilliant und exceptional. Sie hat sich angestrengt, er ist begabt. Dieselbe Leistung, zwei Erzählungen.
Eine ältere Untersuchung von Kieran Snyder, inzwischen über zehn Jahre alt, aber nie widerlegt, fand kritisches Feedback bei 87,9 Prozent der bewerteten Frauen und bei 58,9 Prozent der Männer. Bei drei Vierteln der Frauen zielte die Kritik auf Persönlichkeit und Tonfall, bei Männern in gut zwei Prozent der Fälle. Das Wort abrasive, schroff, fiel siebzehnmal. Jedes Mal über eine Frau.
Die Powerfrau im Meeting und das abrasive im Jahresgespräch sind dasselbe Instrument in zwei Lagen. Beide Male wird eine Frau über ihr Auftreten sortiert statt über ihre Arbeit. Das eine klingt nur besser.
Ich habe mitgemacht
Ich habe diese Wörter jahrelang selbst verteilt. Und ich verstehe bis heute, warum sie funktioniert haben. Frauen haben sich Powerfrau und Working Mum selbst angeheftet, um am Muttermythos zu rütteln und gehört zu werden, das beschreibt Nike Jane 2020 sehr genau. Die Wörter waren als Verstärker gemeint. Eine Zeit lang waren sie es vielleicht auch. Luise Pusch hat diesen Mechanismus in einen einzigen Satz gelegt: Die deutsche Männersprache versteckt die Frau besser als jede Burka.
Genau hier wird es unbequem, denn beides stimmt gleichzeitig. Die Studie von Vervecken und Hannover (2015) zeigt, dass Grundschulmädchen sich technische Berufe eher zutrauen, wenn von Ingenieurinnen und Ingenieuren die Rede ist. Dieselbe Studie zeigt aber auch, dass Befragte denselben Beruf für weniger wichtig und schlechter bezahlt halten, sobald er weiblich mitbenannt wird. Die Benennung öffnet die Tür und senkt im selben Moment den Wert des Raums dahinter. Wer behauptet, hier gäbe es eine einfache Lösung, hat das Problem noch nicht ganz angeschaut.
Der Unterschied, auf den es mir inzwischen ankommt, liegt woanders. Ingenieurin benennt einen Beruf. Powerfrau benennt ein Staunen. Das eine sagt, was eine Frau tut. Das andere sagt, dass man ihr das nicht zugetraut hätte.
Was übrig bleibt
Seit dem Gespräch mit meiner Freundin mache ich einen stillen Test, wenn mir so ein Wort begegnet. Ich setze einen Mann ein. Powermann. Karrieremann. Working Dad. Boyboss. Wenn der Satz kippt, wenn er komisch klingt oder nach nichts, dann war das Wort nie ein Kompliment für mich. Es war eine Auskunft darüber, was man von mir erwartet hatte.
Bianca Jankovska hat ihren Abschied von einem dieser Etiketten in einen Buchtitel gelegt: Dear Girlboss, we are done. Was stattdessen kommt, weiß ich nicht. Nike Jane schlägt vor: einfach Frauen, jede mit einer eigenen Geschichte. Vielleicht reicht das. Vielleicht braucht es gar kein neues Etikett. Nur die Irritation, die entsteht, wenn eines fehlt.
Beim nächsten Mal, wenn mich jemand Powerfrau nennt, werde ich mich vermutlich wieder bedanken. Und dann werde ich fragen, ob er auch Powermänner kennt.
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