Im Urlaub habe ich mir Zeit genommen und meine Freundinnen angerufen, eine nach der anderen. Es waren Gespräche, in denen ich nichts erklären musste. Wer mich so lange kennt, hört am ersten Satz, wie es steht und fragt an der richtigen Stelle nach. Nach dem letzten Anruf saß ich noch eine Weile da und dachte: Diese Beziehungen gehören zum Stabilsten, was ich habe. Beruflich haben sie in all den Jahren nie eine Rolle gespielt. Keine von uns ist je auf die Idee gekommen.
Frauenfreundschaften sind dichter als jede andere Bindung
Die Forschung bestätigt den ersten Teil dieser Beobachtung mit erstaunlicher Deutlichkeit. Als Ann Elisabeth Auhagen an der Freien Universität Berlin 72 Menschen sechzig Tage lang Doppeltagebücher führen ließ, stach eine Gruppe heraus: Freundinnen hatten mit Abstand am häufigsten Kontakt miteinander, häufiger als Männerfreundschaften, häufiger als Geschwister. Das war 1993, und neuere Arbeiten zeichnen dasselbe Bild. Die Medizinische Universität Wien wertete 2013 das Verhalten von über 400.000 Menschen auf einer Onlineplattform aus: Frauennetzwerke sind dichter geknüpft und Frauen legen Wert darauf, dass ihre Freundinnen sich auch untereinander kennen. Männernetzwerke sind ausgefaserter, dafür fließt Information in ihnen effizienter. Die deutsche Freundschaftsforschung von Krosta und Eberhard fand 2007 bei Frauen milieuübergreifend dasselbe Ideal: die enge Zweierbeziehung, deren Kern wechselseitiges Vertrauen ist.
Frauen können Nähe, das ist gut belegt. Die Frage ist, was daraus folgt. Bisher: erstaunlich wenig.
Der verdeckte Arbeitsmarkt läuft über Ähnlichkeit
Der Arbeitsmarkt funktioniert währenddessen nach einer anderen Logik. Nach der IAB-Stellenerhebung liefen 2025 27 Prozent aller Neueinstellungen in Deutschland entscheidend über persönliche Kontakte und Empfehlungen, mehr als über jeden anderen Weg. Je höher die Position, desto stärker der Effekt. Mindestens die Hälfte aller Stellen wird nie ausgeschrieben, auf Führungsebene noch weit mehr. Wer dort ankommt, wurde geholt. Und geholt wird, wer ähnlich ist. Die AllBright Stiftung nennt das den Thomas-Kreislauf: Wer an der Spitze sitzt, holt Menschen nach, die ihm gleichen, in Alter, Herkunft und Ausbildung. Das Ergebnis lässt sich zählen. 13 Prozent der DAX-Vorstandsvorsitzenden sind Frauen, bei den Finanzvorständen sind es 8 Prozent.
Frauen netzwerken genauso, bekommen aber keine Fürsprache
Man könnte einwenden, Frauen müssten dann eben netzwerken. Sie tun es längst. Das IAB hat Jobsuchende über Jahre begleitet und fand kaum einen Unterschied in der Häufigkeit: Frauen nutzen persönliche Kontakte fast genauso oft wie Männer, 59 zu 55 Prozent. Der Unterschied liegt an einer anderen Stelle. Männer erhalten im Schnitt 1,4 aktive Empfehlungen oder Vorstellungen bei potenziellen Arbeitgebern, Frauen 0,9. Frauen holen über ihre Kontakte Informationen ein, während Männern jemand die Tür aufhält.
Die Managementforschung hat für diesen Unterschied ein Begriffspaar: Mentoring und Sponsoring. Eine Mentorin gibt Rat, ein Sponsor setzt seine Macht ein, spricht in Runden, in denen man selbst nicht sitzt, und platziert Leute auf Schlüsselpositionen. Herminia Ibarra bringt es auf die Formel, Frauen seien over-mentored und under-sponsored. Sie bekommen Ratschläge, wo Männer Fürsprache bekommen. Nach den Zahlen von McKinsey und LeanIn erhalten auf Einstiegsebene 31 Prozent der Frauen aktives Sponsoring, bei Männern sind es 45 Prozent. Dabei sagt Sponsoring den Aufstieg dreimal stärker voraus als Mentoring.
Ich habe das selbst einmal auf der falschen Seite erlebt. Ich hatte auf Fürsprache gehofft, auf ein Wort an der richtigen Stelle und bekam guten Rat. Erst später verstand ich, dass ich nach dem einen gefragt und das andere erwartet hatte, und dass mir nicht einmal aufgefallen war, wie selbstverständlich ich um Rat bitte und wie selten um mehr.
Warum strategische Nähe sich für Frauen falsch anfühlt
Bleibt die Frage, warum Frauen ihre engsten Beziehungen von alldem freihalten. Ein Teil der Antwort steckt in einem Experiment von 2014. Ein Team um Maryam Kouchaki zeigte, dass Netzwerken aus Kalkül bei Menschen mit wenig Macht ein Gefühl moralischer Verschmutzung auslöst, messbar bis hin zum Bedürfnis, sich zu waschen. Bei Menschen in Machtpositionen verschwindet dieses Gefühl vollständig. Das Unbehagen beim strategischen Kontakteknüpfen hängt also an der Position, aus der heraus man es tut und Frauen verhandeln aus den unteren Positionen.
Dazu kommt der Backlash: Frauen, die Kontakte so forsch nutzen wie Männer, werden für dasselbe Verhalten schlechter bewertet, gelten schneller als unbequem oder berechnend. Wer zögert, zögert aus Erfahrung. Die Zurückhaltung ist antrainiert. Und ganz ehrlich, sie war lange vernünftig.
Frauennetzwerke wirken nur, wenn sie Macht verteilen
Die naheliegende Antwort heißt seit Jahren: Frauennetzwerke. Genau hier lohnt die Gegenprobe. Das BMBF-Projekt GenderNetz kritisiert, dass viele Gleichstellungskonzepte das Problem zu den Frauen verschieben. Sie sollen besseres Networking lernen, während die Ausschlussmechanismen unangetastet bleiben. Die Erhebung von Veronika Hucke und Lisa Kepinski unter mehr als 1.700 Befragten zeigt, was das praktisch bedeutet: Netzwerkleitung ist meist unbezahlte Zusatzarbeit, bei 87 Prozent der Leiterinnen taucht das Engagement in keiner Leistungsbeurteilung auf, die Hälfte der Netzwerke arbeitet mit weniger als zwei Euro Budget pro Mitglied und Monat. So wird ausgerechnet das Netzwerk zur Karrierebremse für die, die es zusammenhalten.
Und trotzdem steht in denselben Studien, was wirkt. Die EBS-Untersuchung von Karin Kreutzer beobachtete drei Jahre lang vierzig Netzwerktreffen: Erfolgreich sind Netzwerke, die auf Ergebnisse zielen und Hierarchien angehen, statt Frauen an bestehende Spielregeln anzupassen. Die Deutsche Bank koppelte weibliche Führungskräfte direkt an Vorstandsmitglieder, also an Menschen mit Macht und Fürsprache. Ein Jahr später hatte ein Drittel der Teilnehmerinnen größere Rollen übernommen. Der Unterschied zu den folgenlosen Formaten liegt in einem einzigen Vorgang: Es wird etwas verteilt.
Was zwischen Freundinnen laufen könnte
Die Frauen, mit denen ich im Urlaub telefoniert habe, wissen mehr über mich, als jeder Geschäftskontakt je erfahren wird. Vertrauen und Verlässlichkeit sind da, seit Jahren, geprüft in Lagen, in denen kein Vorstand je geprüft wurde. Es gibt keinen Grund, warum über diese Verbindungen keine Aufträge, Empfehlungen und Namen laufen sollten, außer dem einen: Wir haben gelernt, dass Nähe rein zu bleiben hat. Der verdeckte Arbeitsmarkt kennt diese Regel nicht. Er verteilt weiter, jeden Tag, unter denen, die sich längst einig sind.
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