Kurz bevor es ernst wird, werden Gesichter still. Ich habe das oft gesehen, in Garderoben, unter dem grellen Licht der Spiegelwand: Eine Frau sitzt in meinem Schminkstuhl, gleich muss sie raus, auf eine Bühne, vor eine Kamera, in eine Situation, die größer ist als sie. Ich ziehe die Lippen nach. Wenn die Farbe sitzt, verändert sich ihre Haltung, der Rücken richtet sich auf, das Kinn kommt hoch. Auf der Bühne, im Film, im Gespräch lesen wir Menschen zuerst über das Gesicht. Erst wenn Gesicht, Haltung und Kostüm zusammenkommen, entsteht eine Figur. Trotzdem hört man in meinem Beruf oft denselben Satz: ach, du schminkst. Als wäre das Beiwerk. Dabei bauen wir die erste Fläche, auf die jeder Blick fällt. Wie viel auf dieser Fläche verhandelt wird, hat mir eine Frau gezeigt, die ihr Leben lang dafür bestraft wurde, schön sein zu wollen.
Tianjin, 2007
Die Schriftstellerin Emily Wu wird bei einem Besuch in ihrer alten Heimat von der Geheimpolizei verschleppt und stundenlang verhört, weil sie über die Gräueltaten in China geschrieben hat. Ihre Hände zittern. Sie hat ein hübsches blaues Kleid an und denkt: Falls das geheime Video dieses Verhörs eines Tages öffentlich wird, sieht man darauf eine Frau, die schön aussieht.
Was auf dem Körper verboten war
Wu wurde 1958 in Peking geboren, sieben Wochen nachdem ihr Vater als »Rechtsabweichler« in ein Arbeitslager deportiert worden war; fünfzehn Jahre verbrachte er in Lagern und Verbannung. Ihre Memoiren »Feder im Sturm« wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt und stehen in China bis heute auf dem Index. Im Interviewband »Ein Hauch von Lippenstift für die Würde« der Journalistin Henriette Schroeder beschreibt sie, wie die Kulturrevolution auf den Körpern von Frauen durchgesetzt wurde. Verboten waren farbige Kleidung, Schuhe mit Absätzen, Kleider, Make-up, Schmuck, gefärbtes, lockiges oder dauergewelltes Haar. Eine Frau, die mit einem verbotenen Stück erwischt wurde, wurde öffentlich gedemütigt, geschlagen oder als »Volksfeind« abgestempelt. Formale Kleidergesetze existierten in Maos China nie. Die Durchsetzung übernahmen die Roten Garden auf offener Straße: Sie schnitten die spitzen Enden westlicher Hosen ab, hackten langes Haar kurz, machten aus hochhackigen Schuhen flache.
Warum betreibt ein Staat diesen Aufwand für Absätze und Haarschleifen? Wu antwortet nüchtern: In einem totalitären Staat müssten alle gleich aussehen, das Gleiche denken und agieren wie alle anderen, weil ein Mensch dort nicht als Individuum, sondern als Handlanger des Staates gelte. Hannah Arendt hat dieselbe Diagnose 1951 theoretisch gefasst: Wer totale Herrschaft anstrebt, muss jede Spontaneität verfolgen, die die bloße Existenz von Individualität hervorbringt, bis in ihre privatesten, scheinbar unpolitischsten Formen. Eine Blume im Haar ist so eine Form. Wu steckte sie sich trotzdem hinein, beim Entenhüten auf dem Feld, wenn niemand hinsah. Unter der Mao-Jacke hatte sie eine geerbte grün-rote Jacke mit Rosenmuster an, ein Überbleibsel aus vorkommunistischer Zeit, und fühlte sich schön. Mit 15 verkaufte sie ihr hüftlanges Haar, ihre einzige Quelle der Schönheit, um Schuhe zu kaufen, weil die Schule sie barfuß ablehnte.
Belsen, Sarajevo, und immer wieder Lippenstift
Dieser Impuls taucht in der Geschichte immer wieder auf, an den dunkelsten Stellen. April 1945, Bergen-Belsen, kurz nach der Befreiung: Zwischen den Hilfsgütern trifft eine große Lieferung Lippenstift ein, niemand weiß, wer sie angefordert hat. Der britische Sanitätsoffizier Mervin Willett Gonin notiert in seinem Tagebuch, nichts habe mehr für die Überlebenden getan: Frauen lagen ohne Laken und Nachthemd im Bett, mit scharlachrot geschminkten Lippen. Endlich, schreibt er, waren sie wieder jemand, mehr als die Nummer auf dem Arm. Sarajevo, fünfzig Jahre später, 1.460 Tage Belagerung: Friseurinnen arbeiteten in Luftschutzkellern, meist umsonst. Frauen behielten Hüte, Handtaschen und Absätze, auch auf kilometerlangen Fußwegen zur Arbeit. Meliha Varešanović ging in Absätzen und Perlenkette an den Stellungen vorbei ins Büro; das Foto davon wurde weltberühmt. Sie sagte später, in diesen Gang seien Trotz, Widerstand und Stolz eingezogen, es sei ihre Art gewesen, die Angst zu vertreiben.
Die Forschung hat für diesen Mechanismus inzwischen einen Namen. Enclothed Cognition: Kleidung verändert die Psyche der Person, die sie anhat, über ihre symbolische Bedeutung und über die körperliche Erfahrung. In den Experimenten von Hajo Adam und Adam Galinsky (2012) zeigten Versuchspersonen in einem Kittel, der ihnen als Arztkittel vorgestellt wurde, deutlich bessere Aufmerksamkeitswerte als Personen im selben Kittel mit dem Etikett Malerkittel. Der Stoff war identisch, den Unterschied machte die Bedeutung. Das blaue Kleid im Verhörraum sendete also nach innen. Es adressierte die zitternden Hände und setzte ein Zeichen: Ich bin noch da. Wu nennt es einen Überlebensmechanismus: Ich sehe immer noch gut aus, das Leben ist immer noch schön, ich muss noch einen Tag durchhalten.
Der Einwand, den ich lange geteilt habe
Ich weiß, welcher Einwand jetzt kommt. Ich habe ihn selbst lange geteilt. Naomi Wolf hat 1990 in »Der Mythos Schönheit« beschrieben, wie Schönheitsnormen als Kontrollinstrument funktionieren: Je mehr Rechte Frauen erkämpften, desto enger wurde das Korsett der Erwartungen an ihr Aussehen, mit Folgen von Essstörungen bis zur ständigen Selbstüberwachung. Der Einwand trifft eine Realität, in der Gepflegtheit als Berufspflicht gilt und ein ungeschminktes Gesicht im Meeting als Aussage gelesen wird. Derselbe Lippenstift kann Behauptung sein oder Gehorsam. Der Unterschied liegt in der Richtung des Zwangs: Wo eine Frau bestraft wird, weil sie sich schmückt, ist der Schmuck Widerstand; wird sie bestraft, weil sie es lässt, ist er Unterwerfung. Die Handlung bleibt gleich, die Machtlage entscheidet. Die Historikerin Kathy Peiss hat für die Geschichte der Kosmetik gezeigt, dass Frauen Make-up als Erklärung ihrer Selbst benutzten, als Werkzeug für Identität und Anspruch, als sie ins öffentliche Leben drängten. Wu selbst schreibt, ein Hauch von Lippenstift könne »das Unrecht der Welt einen Moment lang vergessen« lassen.
Die Trennung in oberflächlich und ernsthaft hält vor dieser Geschichte kaum stand. Ein Regime, das Blumen im Haar verfolgt, hat begriffen, dass an dieser Oberfläche etwas Ernsthaftes verhandelt wird: wem ein Körper gehört und wer über seine Erscheinung bestimmt. Wer Schönheitsfragen als Nebensache abtut, teilt diese Einschätzung mit jeder Sittenpolizei nicht. Die verhaftet Frauen dafür.
Seit ich Wus Geschichte kenne, sehe ich den Moment im Schminkstuhl anders. Wenn der Rücken sich aufrichtet, passiert dort Arbeit an der Handlungsfähigkeit, mit einem Pinsel als Werkzeug. Und irgendwo im Archiv des chinesischen Staatsschutzes liegt vielleicht bis heute ein Verhörvideo: eine Frau mit zitternden Händen in einem hübschen blauen Kleid, stundenlang aufrecht. Die Geheimpolizei hat ihr schönstes Porträt gedreht.
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