Klar kann KI eine Website bauen. Die Frage ist nur: deine?

Ich erzähle einem Bekannten, dass ich Creative Director bei FEMPOWER.ME bin. Wir machen Webdesign und Strategie für FLINTA*. Er nickt kurz, nimmt einen Schluck und sagt: „Ach, Webdesign. Macht das nicht inzwischen die KI? Wozu braucht man dafür heute noch euch?“

Da ist sie wieder. Diese Wut, die ich gut kenne.

Nicht, weil seine Frage absurd wäre. Sondern weil ich genau weiß, wie sie bei den Frauen ankommt, mit denen wir arbeiten. Bei den Gründerinnen, die abends um halb elf vor ihrem Webflow-Tab sitzen. Bei den Soloselbstständigen, die seit drei Wochen an einem Template basteln und nicht verstehen, warum es nach drei Wochen immer noch wirkt wie ein Template. Bei den Frauen, die am Telefon zu mir sagen: „Ich habe es ja selbst probiert, aber irgendwie…“

Dieses irgendwie ist der Punkt.

Der wahre Kern, den niemand abstreiten muss

Fangen wir damit an: Mein Bekannter hat nicht ganz unrecht. KI baut heute Websites. Schnell, ordentlich, anschaubar. Wer Lovable, Framer AI oder einen halbwegs gepflegten Prompt in ChatGPT bedienen kann, hat in zwei Stunden eine Seite, die nicht peinlich aussieht. Eine echte Veränderung. Ich bin die Letzte, die das kleinredet.

Wir nutzen KI selbst. Jeden Tag. Bei der Bildentwicklung, beim Recherchieren, beim Strukturieren. KI verbessert, was schon da ist und sie ist aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken.

Nur baut sie keine Website, die deine ist. Sie baut eine, die anschaubar ist. Sind zwei verschiedene Dinge.

Was vor der ersten Zeile Code passiert

Eine Website, die für dich arbeitet, beginnt nicht mit einem Layout. Sie beginnt mit Fragen, die dir niemand abnimmt und die eine KI nicht stellt. Wer bist du, wenn niemand zuhört? Was sagst du, wenn du keine Angst mehr hast, falsch verstanden zu werden? Welche Kundinnen willst du eigentlich gar nicht? Wo hört dein Angebot auf und warum?

Diese Fragen sind die eigentliche Arbeit. Erst danach kommt die Sitemap. Erst danach die Frage, welche Seiten überhaupt nötig sind. Erst danach Texte, dann Gestaltung. Erst Inhalt, dann Form.

Eine KI kennt diese Reihenfolge nicht. Sie liefert dir eine extrem gute Form.Und dann sitzt du davor und versuchst, deinen Inhalt nachträglich in eine Hülle zu zwängen, die irgendjemandes Durchschnitt entworfen hat. Das fühlt sich an wie ein Anzug von der Stange, der fast passt. Nur dass du der Anzug bist und das Geschäft.

Der Blick, den du selbst nicht haben kannst

Es gibt etwas, das ich bei jedem Projekt beobachte. Eine Klientin schickt mir ihren Website-Text, ist zufrieden, alles steht drin. Ich lese ihn, und an drei Stellen frage ich nach: Was meinst du hier? Wen sprichst du an? Was passiert, nachdem ich auf den Button geklickt habe?

Sie schaut auf den Text und sieht es plötzlich auch. Nicht, weil sie schlecht schreibt. Sondern weil sie zu viel weiß. Sie weiß, was sie gemeint hat, was hinter dem Wort steht und übersieht deswegen die Stelle, an der eine Fremde kurz hängenbleibt und wegklickt.

Eine KI kann diesen Blick nicht ersetzen. Sie schaut nicht von außen auf dich. Sie schaut auf Millionen anderer Websites und mittelt sie zusammen. Was sie nicht hat, ist ein Mensch, der dich vorher nicht kannte, dem du dich erklären musstest, der nachgefragt hat, wo es schwammig wurde. Der Außenblick ist die Arbeit, für die wir nicht bezahlt werden, weil wir bauen können. Wir werden dafür bezahlt, weil wir hinhören können.

Die Erzählung vom Klick

Was mich an der Frage meines Bekannten ärgert, ist nicht, dass er KI für mächtig hält. Sie ist mächtig. Mich ärgert die Erzählung, die mitschwingt: dass eine professionelle Website ein Wochenend-Projekt sei, sobald man nur das richtige Tool kennt.

Diese Erzählung gibt es seit zwanzig Jahren. Vorher war es Wix. Davor Jimdo. Davor „Frontpage kann doch jeder.“ Das Tool wechselt, das Versprechen bleibt: ein Klick und du bist fertig.

Das Tückische daran: Diese Erzählung erreicht zuerst die, die ohnehin schon zweifeln. Die Frau, die gerade gründet und beim Budget abwägt. Die Soloselbstständige, die denkt, sie sei zu wenig technikaffin. Sie hört „ein Klick genügt“, probiert es, scheitert leise und denkt: an mir liegt’s.

Es liegt nicht an dir. Du wurdest mit einem Versprechen losgeschickt, das so nicht eingelöst wird. Nicht von Wix, nicht von Squarespace, nicht von der KI. Eine Website ist Arbeit. Sie ist Strategie, Konzeption, ein Außenblick und jemanden, der nachfragt, bis es sitzt. Mit Werkzeug geht das schneller. Ohne dich geht das gar nicht.

Was bleibt

Mein Bekannter wird sich keine Website bauen lassen. Er braucht keine. Er hatte nur eine Meinung.

Die Frauen, mit denen ich arbeite, brauchen eine. Und sie verdienen eine, die nicht klingt wie tausend andere, sondern wie sie selbst, an einem guten Tag, wenn ihnen die Worte nicht ausgehen. Dafür braucht es mehr als ein Tool. Dafür braucht es jemanden, der zuhört, bis dieser gute Tag auf einer Seite steht.

Dabei kann KI helfen. Ersetzen kann sie es nicht.

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