Frauen, die keine Heldinnen sind

Als ich Anfang der Neunziger nach Deutschland kam, gab es an meiner Schule keine Integrationsprogramme. Es gab meine Mutter, die sich durch Behörden kämpfte, gegen Rassismus im Amt und im Treppenhaus, und die später einen eigenen Laden aufmachte. Dass sie Unternehmerin wurde, verdankt sie einer Mentorin, die an sie glaubte, als kaum jemand sonst es tat. Ohne diese eine Frau wäre der Laden nie entstanden.

Ich habe es weiter gebracht, als das System vorgesehen hatte. Abitur, zweimal studiert, irgendwann saß ich in der Gründerinneninitiative der HHL. Gute Räume, kluge Frauen, echte Förderung. Und mitten darin kam mir der Gedanke, der diesen Text ausgelöst hat: Wie empowern sich eigentlich die Frauen, die zu solchen Räumen keinen Zugang haben.

Ich bin von diesen Frauen umgeben und schreibe für sie. Coachinnen, Beraterinnen, Gründerinnen. Je länger ich in dieser Bubble sitze, desto deutlicher sehe ich, wer darin nie vorkommt. Frauen, denen die Zeit fehlt, die Bühne, der Zugang. Oft fehlt der Abschluss, mit dem der Zugang überhaupt erst beginnt.

Die Frau, die morgens um sechs die leeren Kaffeetassen vom Empowerment-Workshop des Vortags einsammelt, kennt den Raum besser als die meisten, die ihn buchen. Auf LinkedIn taucht sie nicht auf. Sie hat kein Profil, keinen Claim, keine drei Zeilen über ihre Mission. Sie hat eine Schicht.

Der Filter greift lange vor dem Arbeitsmarkt

Wer in Deutschland ein Studium beginnt, hat das meistens von zu Hause mitbekommen. Nichtakademikerkinder stellen rund 72 Prozent der Schülerschaft. Von ihnen beginnen aber nur 27 Prozent ein Studium, bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. Unter allen Studierenden schrumpft ihr Anteil dadurch auf 47 Prozent. Die soziale Herkunft entscheidet über den Bildungsweg, bevor Leistung eine Rolle spielt.

Das ist keine Klage über zu wenige Studentinnen. Eine Ausbildung, gutes Handwerk, ein gelernter Beruf sind genauso viel wert. Nur hat sich das Empowerment-Vokabular an den akademischen Weg gehängt. Über die Meisterin, die Erzieherin, die Friseurin mit eigenem Salon wird selten in der Sprache der Selbstermächtigung geredet.

Für Frauen mit Migrationsgeschichte verschärft sich das. Bei den Frauen der Gastarbeitergeneration hatte über die Hälfte keinen Berufsabschluss. Auch bei den 25- bis unter 35-Jährigen liegt der Anteil ohne Abschluss noch bei 29,2 Prozent, wie die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert. Ein Abschluss ist keine Frage des Willens. Er ist eine Frage, in welche Familie man geboren wurde und wo.

Ankommen heißt putzen

Wer als Frau neu nach Deutschland kommt, landet an vorhersehbaren Orten. Gebäudereinigung, Gastronomie, Altenpflege. Die Arbeitssoziologie nennt das Ankunftsarbeit. Es sind die Branchen, die neu zugewanderte Frauen auffangen, unabhängig davon, was sie mitbringen.

Und sie bringen oft viel mit. Von den weiblichen ukrainischen Geflüchteten arbeiten laut IAB 57 Prozent unter dem Niveau ihres vorherigen Berufs. Die Lehrerin putzt, die Ingenieurin bedient im Café, die Ärztin sortiert Wäsche. Ein ganzes Berufsleben wird an der Grenze entwertet und niemand redet von einer gläsernen Decke, weil es hier keine Decke gibt. Es gibt einen Boden, auf den man aufschlägt.

Die Förderung hat eine Eintrittskarte

Es gibt niedrigschwellige Wege. Der Gründungszuschuss der Arbeitsagentur ist branchenoffen und fragt nach keinem Abschluss. Verlangt wird ein tragfähiger Businessplan und ein ALG-I-Anspruch. Wer Bürgergeld bezieht, kann Einstiegsgeld beim Jobcenter beantragen. Diese Programme existieren und sie helfen. Nur kommen sie ohne Community-Branding aus, ohne Empowerment-Sprache, ohne Bühne. Sie heißen nicht Gründerin, sie heißen Verwaltungsakt.

Der Unterschied ist genau das Thema. Nehmen wir EXIST-Women, das Gründerinnenprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, das mit weiblicher Selbstermächtigung wirbt. Wer sich bewerben will, muss Absolventin sein, Wissenschaftlerin, Studentin oder Frau mit Berufsausbildung und Bezug zur Hochschule. Studentinnen brauchen einen Bachelorabschluss oder mindestens die Hälfte der Studienleistungen. Selbst die Frau mit abgeschlossener Ausbildung kommt nur rein, wenn sie an eine Hochschule angebunden ist. Die Frau, die eine Idee hat und eine Reinigungsfirma anmelden könnte, aber nie studiert hat und keinen Hochschulkontakt vorweist, steht draußen.

Ich sage das nicht von außen. Ich hatte selbst ein Stipendium und es hat mich weitergebracht, fachlich und im Kopf. Ich bin für diese Programme, ohne Einschränkung. Sie öffnen Türen, die sonst zu bleiben. Genau deshalb fällt mir auf, für wen sie sich nicht öffnen. Die Erzählung von der Gründerin, das Vokabular, die Sichtbarkeit richten sich an die, die dem Bild schon entsprechen. Wer nicht ins Formular passt, gründet vielleicht trotzdem, über den Gründungszuschuss, mit einem Businessplan und ohne Applaus. Sie kommt in der Erzählung nur nicht vor.

Der Boden, auf dem alles steht

Am unteren Ende steht der Minijob. Frauen stellen bei den ausschließlich geringfügig Beschäftigten laut WSI die deutliche Mehrheit von 62 Prozent. Bei geflüchteten Frauen ist der Anteil geringfügiger Beschäftigung noch einmal höher als bei geflüchteten Männern und deutlich höher als bei deutschen Frauen, wie das Bundesfamilienministerium zeigt. Aus diesen Stunden entsteht keine Rente. Sie reichen für den Monat und sonst für nichts.

Diese Frauen halten den Betrieb am Laufen, in dem andere Frauen Karriere machen. Die Emanzipation der einen steht auf der Arbeit der anderen. Wer eine Vollzeitstelle und Sichtbarkeit will, braucht jemanden, der die Kinder holt und die Wohnung sauber hält. Meistens ist das wieder eine Frau, schlechter bezahlt, weiter unten, ohne Anteil an dem Gespräch, das sie erst möglich macht.

Was meine Mutter hatte

Meine Mutter hatte keinen Zugang zu einer Gründerinneninitiative. Sie hatte eine Mentorin, einen einzelnen Menschen, der Zeit und Vertrauen gab, ohne Antrag und ohne Formular. Das war ihr Empowerment. Ein Programm hätte sie nie erreicht, weil die Programme, die ich meine, Frauen wie sie damals nicht vorgesehen hatten.

Ich habe keine fertige Lösung, die ich hier ausrollen könnte. Was ich habe, ist die Frage, an wen ich schreibe, wenn ich für Sichtbarkeit werbe. Und die Ahnung, dass die entscheidende Förderung für viele Frauen in keinem Antrag steckt. Sie steckt in einer anderen Frau, die hinschaut und bleibt.

Die Frau, die morgens das Büro putzt, in dem nachmittags über Sichtbarkeit gesprochen wird, kommt in unserer Erzählung nicht vor. Sie ist nicht zu leise. Wir hören in die falsche Richtung.

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