Ich sagte einer Freundin, sie brauche eine Website. Sie ist Malerin, aus einer Malerfamilie, eine von denen, bei denen die Farbe schon im Kinderzimmer lag. Sie ist Maskenbildnerin. Sie macht Musik, sie macht Schmuck, sie cycelt ihre Kleidung up, aus dem, was andere aussortieren würden, mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich nicht antrainieren kann. Und ihre Antwort war nicht Angst, kein „das kann ich doch nicht“, keine Bescheidenheit, die nach Zuspruch fragt. Ihre Antwort war eine ehrliche Frage: Was soll denn auf die Website?
Der Satz hat mich umgehauen, denn sie sieht das Material nicht, aus dem eine Website bestünde. Für sie ist das alles keine Sammlung von Können, das ist einfach Luft, das ist der Boden, auf dem sie steht. Frau stellt nicht aus, was frau für nichts Besonderes hält.
Es fehlt kein Mut, es fehlt die Wahrnehmung
Das übliche Gerede über Sichtbarkeit dreht sich um Mut. Frauen trauten sich nicht, ist oft zu hören, sie hielten sich zurück, sie müssten nur endlich in die eigene Kraft kommen. Bei meiner Freundin stimmt davon nichts. Sie traut sich. Sie steht in einem Beruf, in dem Nerven gebraucht werden und sie hat die Nerven. Ihr fehlt kein Mut. Ihr fehlt die Wahrnehmung, dass das, was sie kann, überhaupt etwas ist, das gezeigt werden kann.
Das ist ein anderer Mechanismus und es lohnt sich, ihn zu trennen. Sich nicht trauen heißt: Ich sehe, dass da etwas ist, aber ich habe Angst davor, es zu zeigen. Nicht erkennen heißt: Ich sehe gar nicht erst, dass da etwas ist. Die Kognitionspsychologie beschreibt das als zwei verschiedene Zustände. Der erste bindet Aufmerksamkeit, er kostet Kraft, er ist ein Kampf mit sich selbst. Der zweite ist der Normalzustand ausgereifter Könnerschaft. Wer etwas wirklich beherrscht, denkt beim Tun nicht mehr an die einzelnen Schritte. Das Können ist unter die Schwelle der Wahrnehmung gerutscht, dorthin, wo es mühelos abläuft und gerade deshalb unsichtbar wird, auch für die Person, die es besitzt.
Wir wissen mehr, als wir sagen können
Michael Polanyi hat dafür einen Satz gefunden, an dem sich nichts abschleifen lässt: Wir wissen mehr, als wir sagen können. Der Könner hat die feinen Einzelschritte seines Handelns in ein Hintergrundbewusstsein verlagert, um sich auf das Ganze konzentrieren zu können. Das Wissen sitzt im Körper, es ist einverleibt. Wer meine Freundin fragt, wie sie eine Form baut, bekommt eine Antwort, die banaler klingt als das, was sie tatsächlich tut, weil die Sprache dem eingeübten Griff immer hinterherhinkt. Kognitionswissenschaftler nennen das den Experten-Blindspot: Je besser jemand etwas kann, desto weniger Zugriff hat sie auf die einzelnen Schritte, aus denen ihr Können besteht. Das Wissen ist da, aber der bewusste Zugang ist verschüttet. Meine Freundin unterschätzt nicht aus falscher Bescheidenheit. Sie unterschätzt, weil ihr eigenes Können für sie unter der Oberfläche liegt.
Können, das in keine Schublade passt
Dazu kommt etwas Zweites, das nicht in ihr liegt, sondern in den Ordnungen um sie herum. Ihr Können passt in keine Schublade. Sie malt, knüpft Perücken, macht Musik und Schmuck. Das ist keine der Kategorien, die unsere Institutionen kennen. Kammern und Klassifikationen prüfen alles am Referenzberuf, am sauber betitelten Einzelfach. Was quer dazu liegt, wird nicht als eigene Leistung erfasst, sondern als fehlende Tiefe im jeweiligen Einzelfach verbucht. Der Soziologe Axel Honneth nennt das strukturelle Missachtung: Wo eine Kategorie fehlt, fehlt auch die Anerkennung. Böswillig ist dabei niemand. Das Raster sieht schlicht keinen Platz vor. Wer zwischen den Fächern kann, fällt in ein begriffliches Vakuum. Kein Wunder, dass meine Freundin keine Sprache für ihr Können findet. Es gibt keine.
Was es kostet, wenn jemand stumm bleibt
Das hat einen Preis und er ist nicht nur ihrer. Für sie selbst heißt es: Die Anerkennung, die eine solche Syntheseleistung verdient, bleibt aus, und mit ihr ein Stück Selbstachtung. Man kann seine eigene Arbeit nicht wertschätzen, für die man keine Worte hat und keine Kategorie. Aber der Verlust reicht weiter. Wissen, das stumm bleibt, geht mit der Person, die es hat. Es wird nie weitergegeben, nie übersetzt, und verschwindet irgendwann ganz.
Bei meiner Freundin sieht dieser Verlust so aus: Projekte, die nicht entstehen, weil niemand weiß, dass es sie gibt. Begegnungen, die nicht stattfinden. Die junge Maskenbildnerin, die von ihr lernen könnte und es nie erfährt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die genau von so jemandem lebt, die aber niemanden findet, weil die Person unsichtbar bleibt. Eine stumme Könnerin ist eine Lücke, die niemand als Lücke bemerkt.
Sichtbarmachen fängt beim Erkennen an
Und hier wird es zu meiner Sache, als Handgriff. Sichtbarmachen fängt beim Erkennen an, nicht beim Mut. Jemand muss von außen auf das schauen, was der Könnerin selbst zur Luft geworden ist und sagen: Das da, das ist etwas. Genau das ist der Moment, den ich kenne, am Schminkstuhl wie im Gespräch mit ihr. Der Blick, der das Selbstverständliche wieder in etwas Besonderes zurückübersetzt.
Das ist eine Arbeit, die man selten für sich selbst leisten kann. Der Experten-Blindspot lässt sich nicht von innen auflösen, dafür braucht es ein zweites Paar Augen. Meine Freundin hat noch keine Website. Aber sie hat jetzt jemanden, der ihr sagt, was darauf gehört.
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