Er zählte die Frauen um sich herum und war beruhigt

Es gab eine neue Dozentin und ich fand das gut. Ich sagte das auch: schön, dass es diesmal eine Frau ist. Mein Professor nahm die Bemerkung auf und drehte sie um. Man sei hier ja nur noch von Frauen umgeben. Der Satz war als Beweisführung gemeint. Er schaute sich um, zählte, kam auf eine Mehrheit und schloss daraus, dass es hier kein Problem geben könne. Die Rechnung ging auf, solange er waagerecht schaute. Über ihm saß ein Dekanat, in dem die Verhältnisse anders lagen und die Berufung, die ihn an diese Hochschule gebracht hatte, war auch nicht vom Himmel gefallen. Er zählte die Frauen, die vor ihm saßen und übersah die Männer, die über ihm entschieden.

Die Zahlen kippen auf dem Weg nach oben

Was er beschrieb, stimmt an der Basis und nur dort. An den allgemeinbildenden Schulen stellen Frauen seit Jahren die klare Mehrheit der Lehrkräfte, im Grundschulbereich fast vollständig (Statistisches Bundesamt, Schuljahr 2023/24). Pädagogische Hochschulen sind die einzige Hochschulform in Deutschland, an der mehr Frauen als Männer arbeiten. An der Hochschule selbst lässt sich die Bewegung Stufe für Stufe nachlesen. Im Prüfungsjahr 2023 waren 53 Prozent der Studienabschlüsse von Frauen, bei den Promotionen 46 Prozent, bei den Habilitationen 37 Prozent und auf den hauptberuflichen Professuren blieben 29 Prozent übrig (Statistisches Bundesamt, 2024). In den Ingenieurwissenschaften sind es 16 Prozent. Dass der Frauenanteil an Schulleitungen deutlich hinter dem Anteil der Lehrerinnen zurückbleibt, dokumentiert die Forschung seit Langem (Max-Traeger-Stiftung, 2004; Bobeth-Neumann, 2015). Für die Grundschule hat eine US-Studie den Abstand beziffert: Männer steigen dort dreimal so wahrscheinlich in Leitungspositionen auf wie ihre Kolleginnen (Cognard-Black).

Wer also von Frauen umgeben ist, kann daraus wenig ableiten. Es kommt darauf an, in welche Richtung er schaut.

Was ich im Maskenbild beobachte

Im Maskenbild ist das Feld ein Musterfall. Fast alle, die es lernen, sind Frauen. Aber der Beruf teilt sich intern und diese Teilung verläuft ziemlich genau entlang der Geschlechtergrenze. Special Effects gilt als der spannende Teil, hat mit Technik zu tun, klingt nach Werkstatt und genau dort arbeiten auffällig viele Männer. Make-up und Haare bleiben weiblich besetzt, sitzen häufiger an Theatern und Opernhäusern und für diese Arbeit gibt es im Betriebsjargon ein eigenes Wort. Schminktanten. Niemand nennt einen SFX-Kollegen Schminkonkel.

Dieselbe Ausbildung, dieselbe Prüfungsordnung, zwei Bereiche mit sehr unterschiedlichem Status. Das ist die kleine Ausgabe von etwas, das sich über den gesamten Arbeitsmarkt zieht.

Manche Bereiche sind frauendominiert, weil sie unattraktiv gemacht wurden

Die naheliegende Frage stellt sich selten jemand: Warum sind manche Felder eigentlich fast ausschließlich weiblich? Die Antwort ist unbequemer als die Rede von freier Berufswahl. Berufe mit hohem Frauenanteil werden bei der Arbeitsbewertung und der Lohnfindung systematisch unterbewertet (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2024). Die Soziologen Emily Murphy und Daniel Oesch haben nachgerechnet, was der Wechsel in ein weiblich dominiertes Feld kostet und der Effekt bleibt bestehen, auch wenn man Ausbildungsdauer, Betriebszugehörigkeit, Arbeitszeit und Branche herausrechnet. Ihre Erklärung ist die kulturelle Abwertung weiblicher Arbeit. Eine deutsche Längsschnittanalyse über die Jahre 1976 bis 2010 kommt zum selben Befund: Steigt der Frauenanteil in einem Beruf, sinkt das Lohnniveau (Busch-Heizmann, 2015).

Dazu kommt die Enge des Raums. In frauendominierten Berufen arbeiten nur rund sieben Prozent auf Expertenniveau, in männerdominierten sind es doppelt so viele (IAB, 2025). Wenig Geld, wenig Aufstieg, wenig Ansehen. Wer die Wahl hat, wählt anders. Diese Felder sind weiblich geblieben, weil andere sie verlassen haben, als sich das Bleiben nicht mehr lohnte.

Wer trotzdem kommt, wird nach oben gereicht

Ein geräumtes Feld hat einen Nebeneffekt. Es gibt dort kaum Konkurrenz um die wenigen guten Plätze. Die US-Soziologin Christine Williams hat 1992 beschrieben, was dann passiert. Männer in Pflege, Lehramt oder Bibliothek steigen schneller auf als ihre Kolleginnen, verdienen früher mehr und landen überproportional oft in der Leitung und viele von ihnen wollten das gar nicht. Sie wurden nach oben gereicht. Die Soziologin Angelika Wetterer hat es zugespitzt: Männer in Frauenberufen müssen sich anstrengen, wenn sie keine Karriere machen wollen (Wetterer, 2002).

Nicht alle Männer fahren mit

Die Forschung hat das Konzept inzwischen selbst geschärft. Adia Harvey Wingfield zeigte 2009, dass längst nicht alle Männer von diesem Sog profitieren. Schwarze Männer und Männer of Color erleben in denselben Berufen häufig das Gegenteil, Misstrauen statt Vertrauensvorschuss. Christine Williams räumte 2013 ein, dass ihre ursprüngliche Analyse Race und Klasse übersehen hatte. Der Aufzug ist selektiv, er nimmt vor allem weiße Männer mit.

Und es sind keineswegs nur Männer, die Männer befördern. Auch Frauen reichen Männer nach oben weiter, die Forschung belegt das ausdrücklich. Deshalb greift die Suche nach dem einen Schuldigen zu kurz. Mein Professor hat sich seine Berufung nicht erschlichen. Er ist eine Treppe hinaufgefahren, die für ihn schon lief und wer oben ankommt, ohne einen Schritt gemacht zu haben, hält das leicht für Gehen.

Von unten hat man den besseren Blick auf die Architektur. Man sieht, wer eingeladen wird, wer unterbrochen wird, wessen Name bei der nächsten Besetzung fällt. Von oben sieht man Menschen, die einem zuarbeiten und kann ihre Zahl für einen Beweis halten, dass alles in Ordnung ist.

Er hatte recht, der Professor. Er war von Frauen umgeben. Er hat in all den Jahren nur nie den Kopf gehoben.

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