Der Backlash kommt durch die Tür

Es ist spät und ich sehe Agnes zu, wie sie lernt, eine gute Ehefrau zu werden. „The Testament“, die Welt von Gilead, fünfzehn Jahre nach der Geschichte, die alle kennen. Diesmal stehen keine Handmaids in roten Roben im Mittelpunkt. Es geht um die anderen Frauen. Die Töchter, die in das System hineinwachsen wie in eine Selbstverständlichkeit. Die Tanten, die es mitverwalten, ausbilden, bestrafen. Frauen, die Gilead tragen, weil sie nie etwas anderes gekannt haben. Was mich daran erschreckt, ist nicht das Monströse. Es ist, wie normal es aussieht, wie sehr es nach Schule aussieht, nach Erziehung, nach Mädchen, die brav sein wollen.

Und während ich das sehe, denke ich nicht an eine ferne Fiktion. Ich denke an die Zahlen vom letzten Frühjahr, hier, in diesem Land.

Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 35 Prozent der 18- bis 24-jährigen Frauen Die Linke. Bei den Männern desselben Alters wurde die AfD stärkste Kraft. In Bayern wählten 30,1 Prozent der jungen Frauen Die Linke, von den jungen Männern 13,6 Prozent. Über alle Altersgruppen kam die AfD bei Männern auf 24 Prozent, bei Frauen auf 18.

Der Soziologe Ansgar Hudde nennt das den größten geschlechtsspezifischen Wahlunterschied, den die Bundesrepublik in dieser Altersgruppe je hatte. Und es ist eben keine Akademikerinnenfrage. Der Bildungsabstand läuft genau andersherum: Je niedriger der Schulabschluss, desto mehr junge Männer, die höheren Abschlüsse machen heute die Frauen. Diese Trennlinie verläuft quer durch die Milieus. Es sind ein Bruder und eine Schwester am selben Küchentisch, dieselbe Wohnung, dasselbe WLAN und in den Handys, die sie unter dem Tisch halten, zwei verschiedene Welten.

Das ist die Stimmung. Sie wird politisch wirksam an der Stelle, an der sie sich in Beschlüsse übersetzt.

Wo die Tür steht

Im Juli 2025 kündigte die Berliner Senatsverwaltung für den Haushalt 2026 Kürzungen bei Frauenprojekten an, rund 2,57 Millionen Euro, im Schnitt zwei Prozent für jedes Projekt. Zwei Prozent klingt nach nichts. Für eine Beratungsstelle, die ohnehin am unteren Rand kalkuliert, ist es die Stelle, die nicht nachbesetzt wird, die Öffnungszeit, die wegfällt, die Frau, die vor verschlossener Tür steht.

Der Pharmakonzern Roche strich im April 2025 seine globalen Diversity-Quoten von 38 Prozent Frauen in Führungspositionen und 19 Prozent ethnischen Minderheiten. Die Diversity-Büros heißen jetzt „Inclusion and Belonging“. Novartis beendete im selben Monat den Einsatz diverser Kandidatinnenlisten für seine US-Positionen. In Bayern gilt seit März 2024 ein Verbot geschlechtersensibler Sprache in Behörden und Schulen, Hessen verfügte im selben Monat per Dienstanweisung dasselbe für Behörden, Schulen und Universitäten.

Keine dieser Maßnahmen kommt in einer roten Robe. Sie kommen als Haushaltszeile, als Pressemitteilung über eine Umbenennung, als verwaltungsinterne Geschäftsanweisung. Niemand verkündet das Ende der Gleichstellung. Man kürzt sie, man benennt sie um, man streicht eine Liste. Der Backlash hat gelernt, dass er die Tür nicht eintreten muss. Er bekommt einen Schlüssel ausgehändigt, mit Vorgangsnummer.

Und genau hier geht es um uns. Um dich, um mich, um die selbstständigen Frauen, die Coachinnen, Beraterinnen, Therapeutinnen, Künstlerinnen, die ihre Sichtbarkeit und ihre Aufträge selbst erkämpfen. Wenn Förderprogramme schrumpfen, verlieren die zuerst, die ohnehin am dünnsten finanziert sind. Wenn Konzerne ihre Diversitätsziele kassieren, verschwinden die Budgets, aus denen Aufträge für genau die Dienstleisterinnen kamen, die wir sind. Wenn eine Verwaltung beschließt, dass das Gendersternchen nicht mehr vorkommt, verschwindet nicht nur ein Zeichen. Es wird mitentschieden, wer in offiziellen Texten überhaupt noch vorkommt.

Die Gleichzeitigkeit, die mich nicht loslässt

Ich könnte den Text hier enden lassen und er würde funktionieren wie eine kleine Untergangserzählung. Das wäre nur nicht ehrlich, denn die Quellen erzählen noch etwas anderes.

Die Bundeszentrale für politische Bildung verneint einen Rollback ins 20. Jahrhundert ausdrücklich. Ihr Befund, über viele Befragungen hinweg, sei im Hinblick auf die Gleichstellung eher ermutigend. Der „Women in Work Index“ von PwC bescheinigt der Schweiz 2025 einen Sprung um zwei Ränge, der Durchschnittswert der OECD-Länder ist seit 2011 kontinuierlich gestiegen. Und die EU-Lohntransparenzrichtlinie, die bis Juni 2026 in nationales Recht muss, wird Arbeitgeberinnen zwingen, offenzulegen, was sie wem zahlen, ein Instrument gegen die Lohnlücke, das härter greift als jede freiwillige Selbstverpflichtung.

Beides ist wahr. Die Institutionen rücken vor und die Stimmung kippt. Genau diese Gleichzeitigkeit ist das, was mich nicht loslässt. Es gibt keinen einzelnen Moment, an dem jemand sagen könnte, jetzt ist es passiert, jetzt sind wir zurückgefallen. Die Gesetze werden besser auf dem Papier, während die Mehrheiten kippen, die darüber entscheiden, ob diese Gesetze angewendet, finanziert und durchgesetzt werden. Ein Lohntransparenzgesetz nützt so viel, wie die Behörde Personal hat, es zu kontrollieren. Eine Frauenberatungsstelle hilft so vielen, wie ihr Etat zulässt. Der Fortschritt steht im Gesetzbuch, die Verfügung über ihn steht zur Wahl.

Was bleibt

Was mich an „The Testament“ beim Zusehen beschäftigt, ist nicht die Angst vor einem fernen Gilead. Es ist Agnes, die in ihre Rolle hineinwächst und lange gar nicht merkt, dass es eine Rolle ist. Niemand muss sie zwingen. Sie hält das System für die Ordnung der Dinge, weil sie nie eine andere gesehen hat.

Manche hören das Klingeln längst. Die Frauen in den Beratungsstellen, die ihre Etats schrumpfen sehen. Die Kolleginnen in den Konzernen, deren Programme über Nacht umbenannt wurden. Die Selbstständigen, denen ein Förderbescheid wegbricht, mit dem sie gerechnet hatten. Sie wissen, dass etwas im Raum steht. Was ich uns wünsche, ist, dass die anderen es auch hören, bevor sie nur die roten Roben erkennen und das Übrige für Verwaltung halten.

Quellen: Repräsentative Wahlstatistik Bundestagswahl 2025; Wahlanalyse Bayern 2025; Ansgar Hudde (Universität zu Köln); Berliner Senatsverwaltung, Haushaltsplanung 2026; Roche, Novartis (Unternehmensmitteilungen April 2025); Genderverbote Bayern und Hessen (Dienstanweisungen März 2024); fowid Wahlverhalten 2025; Bundeszentrale für politische Bildung; PwC Women in Work Index 2025; EU-Lohntransparenzrichtlinie.

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