Kurz nach zehn am Abend. Der Baukasten ist offen, die Startseite zum vierten Mal umgebaut und der erste Satz über dem Angebot beginnt immer noch mit „Für alle, die…“. Irgendwo zwischen Farbpalette und Schriftgröße ist die Frage verloren gegangen, für wen diese Seite eigentlich da ist.
Wer die eigene Website selbst baut, trifft hunderte Entscheidungen. Die meiste Aufmerksamkeit geht dabei in Technik und Optik, also in das, was man sehen kann. Die wirksamsten Entscheidungen sind unsichtbar. Drei davon kannst du heute Abend noch treffen, ohne ein einziges neues Tool.
Wer für alle schreibt, wird von niemandem gelesen
Die Angst dahinter kennen wir aus fast jedem Erstgespräch: Wenn ich mich spitz positioniere, verliere ich Kundinnen. Also wird die Startseite weich formuliert, das Angebot dehnbar gehalten und die Zielgruppe so breit gefasst, dass rechnerisch niemand mehr draußen steht. Die Usability-Forschung beschreibt das Ergebnis seit Jahren: Systeme, die theoretisch von allen bedient werden könnten, werden in der Praxis von niemandem bedient. Was für Software gilt, gilt für deine Website genauso. Eine Seite, die alle meint, gibt keiner einzelnen Besucherin einen Grund zu bleiben.
Die Entscheidung, die dich weiterbringt: Benenne die eine Gruppe, der du es recht machen willst und schreib ausschließlich für sie. Die Frauen, für die du arbeitest, erkennen sich in einem präzisen Satz schneller als in einem, der vorsichtshalber niemanden ausschließt.
Deine Texte werden überflogen. Bau sie dafür.
Im Netz wird gescannt. Die Usability-Forschung zeigt seit den späten Neunzigern immer wieder dasselbe Bild: Rund 79 Prozent der Userinnen überfliegen Texte, statt sie Wort für Wort zu lesen. Das ist keine Unhöflichkeit deiner Besucherinnen, es ist die Lesehaltung des Mediums. Ein Textblock, der über die volle Bildschirmbreite läuft, arbeitet gegen diese Haltung: Die Augen müssen weite Wege gehen, bei jeder Zeile neu ansetzen und ermüden dabei messbar schneller.
Die Stellschraube ist eine einzige Einstellung in deinem Baukasten: Begrenze die Breite deiner Textblöcke. Optimal lesbar sind 55 bis 75 Zeichen pro Zeile. Zähl einmal auf deiner Startseite nach. Wenn du bei 120 landest, weißt du, warum sich deine Texte „irgendwie anstrengend“ anfühlen, obwohl sie gut geschrieben sind.
Tiefschwarz auf Reinweiß blendet
Für maximale Lesbarkeit greifen viele beim Fließtext zu reinem Schwarz auf reinem Weiß. Klingt logisch, wirkt am Bildschirm aber zu hart: Der maximale Kontrast strengt die Augen an, statt sie zu führen. Auf Papier funktioniert die Kombination, weil Papier kein Licht abstrahlt. Dein Bildschirm schon.
Die Lösung kostet zwei Minuten: Stell deinen Fließtext auf ein sehr dunkles Grau oder brich das Weiß im Hintergrund minimal. Der Unterschied ist mit bloßem Auge kaum zu benennen und beim Lesen deutlich zu spüren. Deine Besucherinnen werden nicht sagen können, was du verändert hast. Sie bleiben einfach länger.
Drei Einstellungen, keine davon sichtbar im Sinne von Design. Genau deshalb übersieht sie fast jede, die zum ersten Mal selbst baut, während sie an Farben und Fonts feilt. Der Satz „Für alle, die…“ auf deiner Startseite darf heute Abend weg. Was danach dort steht, wird weniger Menschen meinen und mehr erreichen.
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