Kurz vor der Deadline steht das meiste schon. Das Corporate Design ist gebaut und die Texte sind geschrieben, Impressum und Datenschutz stehen. Nur die Fotos fehlen. Und dann kommt fast immer dieselbe Frage. Brauche ich überhaupt mehrere Bilder von mir, ein Porträt reicht doch. Oder es liegen ein paar schnell gemachte Handyfotos im Postfach, als Übergang gedacht und dann geblieben.
Ich habe das oft genug erlebt, um es nicht mehr für Zufall zu halten. Eine Frau baut mit uns ihre Website, sie ringt um jeden Satz auf der Startseite, sie sucht wochenlang nach der richtigen Farbe. Bei den Texten geht sie in die Tiefe. Beim eigenen Bild will sie mit dem Wenigsten durchkommen. Die Begründung klingt praktisch, meistens geht es ums Geld. Darunter liegt etwas anderes.
Das Geld und die Kamera
Das Geld ist ein echter Grund. Ein professionelles Shooting ist eine Ausgabe, die am Anfang einer Selbstständigkeit wehtut und niemand sollte so tun, als wäre sie nebensächlich. Nur erklärt das Geld nicht, warum dieselbe Frau in ein neues Angebot oder in Weiterbildung ohne langes Zögern investiert und beim eigenen Bild bremst. Die Kamera ist die Schwelle. Vor ihr steht etwas, das mit dem Kontostand wenig zu tun hat.
Die Fremde im Spiegel
Wer sich selbst auf einem Foto ansieht, sieht selten, was andere sehen. Eine Untersuchung von Mita, Dermer und Knight aus dem Jahr 1977 hat gezeigt, dass wir unser eigenes Gesicht lieber spiegelverkehrt mögen, so wie es uns der Spiegel jeden Morgen zeigt, während unsere Freundinnen und Partner:innen das echte Foto vorziehen, das sie täglich vor sich haben. Wir sind an ein Bild von uns gewöhnt, das es für die anderen gar nicht gibt. Das Foto zeigt die Fremde, die alle außer uns kennen.
Dazu kommt der Blick, mit dem Frauen ihr eigenes Bild prüfen. Eine Befragung der Universität Klagenfurt von 2022 unter 160 Instagram-Nutzerinnen fand, dass die angenommene Bewertung durch andere der stärkste Antrieb war, ein Foto vor dem Posten zu bearbeiten, stärker als das eigene Urteil über sich. Die Psychologie nennt das Selbstobjektivierung. Frauen lernen früh, sich von außen zu betrachten, als stünde ständig jemand daneben und prüfe. Fredrickson und Roberts haben dieses Modell 1997 beschrieben und der Soziologe Pierre Bourdieu hat 2005 in „Die männliche Herrschaft“ den Satz dazu gefunden, dass Frauen unablässig unter dem Blick der anderen leben und dazu verurteilt sind, den Abstand zwischen dem realen und dem idealen Körper ständig zu spüren. Das Foto macht diesen Abstand sichtbar, auf einer Seite, die dann für lange Zeit im Netz steht.
Studien belegen die Vorsicht. Eine Untersuchung im Australian Journal of Psychology ließ 228 Personen mehr als viertausend berufliche Porträts bewerten und fand, dass weibliche Gesichter länger und kritischer gemustert wurden. Ein Männergesicht war bei 43 Prozent der Betrachtenden in unter sechs Sekunden eingeordnet, ein Frauengesicht nur bei 22 Prozent. Frauen werden auf ihren Businessfotos genauer angesehen und viele ahnen das, lange bevor ihnen jemand eine Zahl dazu nennt.
Als Maskenbildnerin habe ich diesen Moment oft erlebt, den Augenblick vor der Kamera. Ich habe Menschen für die Bühne vorbereitet und für den Dreh. Ich habe gesehen, wie sie im Spiegel ein fremdes Gesicht anschauen, das perfekt ist und das trotzdem jeder kleine Makel schmerzt, weil die Kamera jeden davon vergrößert. Ich habe erlebt, wie jemand mit einem Gesicht, von dem ich weiß, dass es ausstrahlt, trotzdem zögert, es zu zeigen. Der Unterschied zwischen Bühne und Businessfoto ist, dass ein Bühnenbild eine Rolle trägt. Das eigene Gesicht ist die Rolle. Vielleicht ist es das, was vor der Kamera steht. Das Gefühl, echt zu sein und dem nicht zu trauen.
Schon in der Wahl des Ausschnitts zeigt sich diese Vorsicht, und das Muster ist nicht neu. Eine Analyse der deutschen Plattform StudiVZ von Haferkamp und Kolleg:innen aus dem Jahr 2012 fand, dass Frauen für ihr Profilbild eher die nahe Porträtaufnahme wählen, den engen Ausschnitt von Kopf und Schultern, während Männer sich häufiger in ganzer Gestalt und im Umraum zeigen. Der Rahmen wird enger gezogen, bevor überhaupt jemand hinsieht.
Die Lage und der Preis
Man könnte meinen, das alles verliere an Bedeutung, seit sich Gesichter erzeugen lassen, ohne dass je eine Kamera dabei war. Das Gegenteil stimmt. Wir arbeiten selbst mit diesen Werkzeugen und kennen ihren Nutzen. Genau deshalb sehen wir, was sie mit dem Vertrauen machen. Betrachtende erkennen mehr als die Hälfte der künstlich erzeugten Porträts als künstlich und sobald ein Bild für synthetisch gehalten wird, sinkt das Vertrauen in die dahinterstehende Marke messbar. Am deutlichsten wird das an der Stelle, an der es zählt. Ein erzeugtes Gesicht bekommt oben im Feed Klicks und bricht unten weg, in dem Moment, in dem jemand Geld ausgeben oder die eigene Mailadresse hergeben soll. Dann verlangen Menschen den Nachweis, dass am anderen Ende wirklich jemand ist.
Das ist die Lage, in der die Frau mit dem leeren Bildfeld steht. Fast die Hälfte der Frauen fühlt sich laut einer Erhebung von Dove und Ipsos von Bildern im Netz unter Druck gesetzt, ihr Aussehen zu ändern, sogar dann, wenn sie wissen, dass diese Bilder bearbeitet oder erzeugt sind. Der Maßstab, an dem sie ihr eigenes Foto misst, besteht zu großen Teilen aus Gesichtern, die niemand je im Café getroffen hat. Ihr echtes Bild müsste gegen eine Wand aus perfekten Erfindungen bestehen und ausgerechnet diesem echten Bild glauben die anderen am Ende. Dabei entscheidet sich das schneller, als sie denkt. Willis und Todorov haben 2006 gezeigt, dass ein Vertrauensurteil über ein Gesicht nach rund hundert Millisekunden steht, bevor die Betrachterin einen einzigen Satz gelesen hat. Das leere Feld spricht in derselben Zeit. Es sagt, hier will jemand gefunden werden und hält sich zugleich bedeckt.
Die andere Wahrheit
Es wäre zu leicht, daraus zu schließen, jede solle ihr Gesicht einfach zeigen. Sichtbarkeit hat einen Preis, den Frauen anders zahlen. Eine Studie des JFF, des Instituts für Medienpädagogik, hielt 2022 fest, dass Mädchen und Frauen im Netz häufiger mit Hasskommentaren und übergriffigen Bemerkungen rechnen und ihr Gesicht deshalb bewusst zurückhalten. Die Medienwissenschaftlerin Rosalind Gill beschreibt, wie das ständige Sich-zeigen-Müssen zur unbezahlten Dauerarbeit wird, die einem als freie Entscheidung verkauft wird. Wer zögert, hat manchmal gute Gründe und die gehören zur Wahrheit dieses leeren Feldes dazu.
Und trotzdem bleibt der Satz, den ich am Anfang meine. Eine Frau baut sich eine Seite, auf der sie gefunden werden will und lässt gleichzeitig die Stelle frei, an der sie zu sehen wäre. Gefunden werden ist das eine, sich sehen lassen das andere. Der Weg zwischen beidem führt an einer Kamera vorbei, vor der viele stehen bleiben. Das Feld ist noch leer. Es wartet nicht auf besseres Licht oder ein paar Kilo weniger. Am Schminkstuhl habe ich gesehen, dass der Moment, in dem eine sich fertig sieht, fast nie mit Zustimmung anfängt. Zuerst kommt das Zusammenzucken, dann erst das Hinschauen. Das leere Feld wartet auf dieses Hinschauen.
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