Ich musste letztens wieder an ein Gespräch mit einer Freundin denken. Kleidung sei ihr nicht wichtig, hatte sie gesagt, sie würde auch in der Jogginghose zu einem wichtigen Treffen gehen. Der Satz fiel beiläufig, als Nebensache und er war als Entlastung gemeint. Ungefähr so: Ich mache dieses ganze Theater nicht mit.
Ich habe nicht widersprochen. Ich habe nur gedacht, dass das Treffen trotzdem stattfindet. Und dass jemand die Hose sehen wird.
Es gibt keinen Ort, an dem du nichts sagst
Erving Goffman hat 1959 beschrieben, dass wir in jeder Begegnung zwei Arten von Information abgeben. Die eine steuern wir, das ist das Gesagte. Die andere strahlt aus uns heraus, ohne dass jemand nachfragt. Goffman nannte sie expression given off. Später fasste er das, was der Körper dabei laufend sendet, als body idiom: Zeichen über Status und Haltung, die sich anders als das Sprechen kaum abstellen lassen. Wer schweigt, sendet weiter.
Wie schnell das geht, haben Willis und Todorov 2006 gemessen. Nach hundert Millisekunden Sichtkontakt stehen bei Beobachterinnen stabile Urteile über Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit und sozialen Status. Hundert Millisekunden sind kürzer als ein Lidschlag. In dieser Zeit hat niemand deinen Lebenslauf gelesen, deine Argumente gehört oder gemerkt, dass du eigentlich sehr gut in deinem Job bist. In dieser Zeit war nur die Hose da.
Der Satz meiner Freundin behauptet einen Nullpunkt. Einen Ort, an dem sie einfach ist und nichts aussagt. Diesen Ort gibt es nicht. Ihre Jogginghose wird gelesen, ob sie es will oder nicht und die einzige offene Frage ist, wer die Lesart bestimmt.
Die Hose sagt etwas anderes, wenn du dir den Satz leisten kannst
Jetzt wird es interessant. Silvia Bellezza hat 2014 mit ihren Kolleginnen an der Harvard Business School untersucht, was passiert, wenn jemand sichtbar von der Kleiderordnung abweicht. Ihr Befund: Unter bestimmten Bedingungen schreiben Beobachterinnen dieser Person höheren Status und höhere fachliche Kompetenz zu. Der Effekt hat einen Namen bekommen, Red Sneakers Effect, und er funktioniert nach einer klaren Logik. Wer die Regel erkennbar kennt und sie trotzdem bricht, signalisiert Autonomie. Sie kann sich den Bruch leisten.
Der Effekt hat zwei Bedingungen. Beide entscheiden über die Trägerin, nicht durch sie. Er kippt, sobald das Publikum die Abweichung für unbeabsichtigt hält. Und er greift nur, wenn die Beobachterin den Raum kennt, in dem der Bruch passiert. Wer die Regeln der Branche nicht kennt, liest die Jogginghose nicht als souveräne Ansage, sondern als Nachlässigkeit. Dieselbe Faser, dieselbe Farbe, zwei völlig verschiedene Botschaften, je nachdem wer schaut.
Meine Freundin hat also recht damit, dass die Hose eine Aussage sein kann, die für sie arbeitet. Sie hat nur nicht recht damit, dass die Hose neutral ist. Sie hat sich in Wahrheit für eine besonders voraussetzungsreiche Form der Darstellung entschieden, eine, die kontextabhängig ist und die man souverän tragen können muss.
Natürlich aussehen ist die teuerste Arbeit von allen
Als Maskenbildnerin weiß eine Sache, die im Berufsleben seltsam tabuisiert wird: Die aufwendigsten Ergebnisse sind die, denen man nichts ansieht. Ein Zombie ist in zwanzig Minuten fertig. Ein Gesicht, das aussieht, als habe es überhaupt nichts bekommen, dauert länger.
Genau das beschreibt die soziologische Kritik am Authentizitätsideal. Das ungestylte Auftreten ist das anspruchsvollste Format der Selbstdarstellung, das es gibt. Der Eindruck von Absichtslosigkeit entsteht erst dann, wenn die Arbeit daran unsichtbar wird. Authentizität ist damit eine Stilform des Impression Managements und zwar eine der schwierigsten.
Andreas Reckwitz hat 2017 gezeigt, warum uns das trotzdem so schwerfällt zuzugeben. In der spätmodernen Kultur ist Authentizität vom privaten Wunsch zur ökonomischen Ressource geworden. Das Echte wird prämiert, das Gemachte gilt als fake, und weil sich das Echte auf Märkten bewähren muss, muss es dauerhaft gezeigt werden. Wir sollen also unverstellt sein und das öffentlich beweisen. Diese beiden Anforderungen passen nicht zusammen. Das Unbehagen, das viele von uns beim Wort Selbstvermarktung spüren, ist die Stelle, an der sie aufeinandertreffen.
Frauen zahlen für ihre Sichtbarkeit einen Aufpreis
Bevor das nach einem Appell zu mehr Selbstbewusstsein klingt: Der Preis ist nicht für alle gleich.
Laurie Rudman hat 1998 in Bewerbungsszenarien gezeigt, was passiert, wenn Frauen ihre Kompetenz aktiv sichtbar machen. Sie werden als kompetent wahrgenommen und verlieren gleichzeitig massiv an Sympathie und an zugeschriebener Eignung für die Stelle. Rudman nennt es ein Catch-22. Wer sich zeigt, wird bestraft, wer es lässt, wird übersehen. Eagly und Karau haben 2002 die Struktur dahinter beschrieben. Führung wird mit durchsetzungsstarken Eigenschaften assoziiert, die weibliche Rollenerwartung mit fürsorglichen. Aus dieser Unvereinbarkeit entstehen systematische Bewertungsverzerrungen.
Ich kenne dieses Zögern, kurz bevor ich etwas über die eigene Arbeit poste. Es fühlt sich an wie schlechter Charakter, wie Angeberei. Rudman zeigt, dass es eine ziemlich präzise Reaktion auf eine reale Sanktionslage ist. Nur folgt daraus nicht, dass Unsichtbarkeit die Lösung wäre. Sie ist der andere Arm derselben Zange.
Deine Website ist eine Bühne, auch wenn du sie nie betrittst
Bernie Hogan hat Goffmans Modell 2010 ins Digitale übersetzt und dabei etwas Wichtiges unterschieden. Im direkten Gespräch führen wir auf und bessern im selben Moment nach, wenn etwas schiefläuft. Online stellen wir aus. Wir hinterlassen Artefakte, die abgerufen werden, wenn wir längst nicht mehr im Raum sind. Die Auswahl trifft eine Instanz, die Hogan platform as curator nennt. Der Algorithmus entscheidet, was auftaucht und für wen.
Dazu kommt, was danah boyd und Alice Marwick als Kontextkollaps beschrieben haben. Früher getrennte Publika stehen auf derselben Seite nebeneinander, die alte Kollegin neben der potenziellen Kundin neben dem Menschen, der dich seit der Schule kennt. Wer darauf nicht vorbereitet ist, rutscht automatisch in den kleinsten gemeinsamen Nenner und wird beliebig.
Eine Website ist damit die Ausstellung deiner selbst zu Öffnungszeiten, die du nicht festlegst. Sie arbeitet weiter, während du schläfst und sie beantwortet Fragen, die dir niemand persönlich stellt. Wer sie nicht gestaltet, hat keine neutrale Seite. Er hat eine Seite, die von anderen zu Ende interpretiert wird. Das ist der Grund, warum ich Gestaltung nicht für Kosmetik halte. Sie ist die Entscheidung darüber, wer die Lesart bestimmt.
Manches lässt sich trotzdem nicht regeln
Ehrlich bleiben heißt: Die Kontrolle ist begrenzt. Bourdieus Habitus beschreibt die Grenze, an der die bewusste Inszenierung scheitert. Das über Jahre Verkörperte lässt sich in einer fremden Rolle kaum kaschieren und kleine körperliche Brüche verraten die Darstellerin schneller als jedes falsche Wort. Auch das habe ich in der Maske gesehen. Manchen Gesichtern konnte ich alles auftragen, die Haltung darunter blieb sichtbar.
Und es gibt die Erschöpfung. Byung-Chul Han hat 2014 beschrieben, wie sich das Versprechen der Selbstverwirklichung in eine verinnerlichte Pflicht verwandelt, bei der niemand mehr von außen Druck ausüben muss. Wer ständig prüfen muss, ob sie noch echt ist, hat sich einen Aufseher eingebaut.
Der Auftritt muss also nicht perfekt sein. Er muss nur gewählt sein statt zugestoßen.
Vielleicht ist meine Freundin in ihrer Jogginghose zu diesem Treffen gegangen und vielleicht war das genau die richtige Entscheidung. Ich wünsche ihr nur, dass sie sie getroffen hat.
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