Auf einer Geburtstagsfeier fällt irgendwann ein Muster auf, das sich durch jede Runde des Abends zieht. Sobald ein Mann dabeisteht, erzählt der Mann. Ob er einer einzelnen Frau gegenübersteht oder in eine Gruppe hineinredet, spielt keine Rolle, die Richtung bleibt gleich. Er berichtet, die Frauen hören zu, nicken, stellen die Frage, die ihn weiterreden lässt. Es wirkt nicht unhöflich und nicht erkämpft, es läuft einfach so.
Dann sagt eine der Frauen etwas. Es ist trocken und kurz und sitzt so genau, dass die halbe Runde lacht. Danach ist sie wieder still, und das Erzählen geht dorthin zurück, wo es vorher war. Interessant ist nicht der Satz. Interessant ist, dass sie ihn sich einmal erlaubt und danach wieder zuhört.
Sich zeigen ist etwas anderes als etwas können
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Modus des Beweisens und dem des Besitzens. Beweisen heißt: Ich lege vor, was ich kann, und warte, ob es reicht. Besitzen hieße: Der Platz ist meiner, ich muss dafür heute nichts einreichen. Die Frau mit dem trockenen Satz kann offensichtlich etwas. Sie besitzt ihren Platz in der Runde trotzdem nicht, sonst würde sie den zweiten Satz auch noch sagen und den dritten.
Der Sozialphilosoph Axel Honneth hat 1994 beschrieben, dass Menschen ein positives Verhältnis zu sich selbst erst über die Anerkennung durch andere aufbauen. Wer früh lernt, dass diese Anerkennung an Bedingungen hängt, an Leistung, an Nachweis, an Wohlverhalten, der lernt eine bestimmte Haltung. Man legt vor. Man sichert ab. Man wartet auf das Zeichen, dass es jetzt genug ist. Das Zeichen kommt nicht, weil niemand es je zu geben gelernt hat.
Sich zu zeigen gehört auf die andere Seite. Wer sichtbar wird, nimmt Raum, bevor jemand ihn zuteilt. Das ist eine Form von Haben, und es fällt genau denen am schwersten, die im Verdienen geübt sind. Deshalb hört die Frau nach einem Satz auf. Der Satz war ein Beleg, und ein Beleg reicht. Zwei wären schon Anmaßung.
Nur in der Buchhaltung
Es gibt einen Satz, der dieselbe Bewegung in vier Worten macht. Ich bin nur in der Buchhaltung. Man hört ihn auf denselben Feiern, meist als Antwort auf die Frage, was man denn so tue. Der ganze Beruf, klein gemacht von der Person, die ihn ausübt, mit einem vorauseilenden Nur, das die Zuhörenden davon entlastet, ihn wichtig zu finden. Buchhaltung ist ein Beruf, an dem ein Unternehmen hängt und den die meisten, die bei dem Wort weghören, keinen Monat lang ausüben könnten. Das Nur beschreibt nicht den Beruf. Es beschreibt eine Regel darüber, wie viel Raum man für sich beanspruchen darf, und die Regel sitzt so tief, dass sie sich wie Bescheidenheit anfühlt statt wie Verzicht.
Man erklärt sich das gern über Selbstvertrauen. Frauen hätten weniger davon, deshalb machten sie sich kleiner, deshalb müsse man sie bestärken. Diese Erklärung ist bequem, weil sie das Problem in die Frau verlegt und dort auch die Lösung vermutet. Sie übersieht nur, dass die Zurückhaltung meistens eine ziemlich genaue Rechnung ist.
Das Gefühl lügt nicht, es rechnet
Als die Psychologinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes 1978 das Impostor-Phänomen beschrieben, meinten sie erfolgreiche Frauen, die ihren Erfolg auf Glück und Zufall zurückführen statt auf das eigene Können. Die Beobachtung war präzise. Aus ihr wurde ein Ratgebermarkt, der Frauen erklärt, sie sollten das Hochstaplerinnengefühl loswerden und mehr an sich glauben.
Ruchika Tulshyan und Jodi-Ann Burey haben 2021 in der Harvard Business Review den Einwand formuliert, der die Sache umdreht. Das Impostor-Syndrom, schreiben sie, lenkt den Blick darauf, Frauen zu reparieren, statt die Orte zu reparieren, an denen Frauen arbeiten. Das Gefühl, nicht genug zu sein, entsteht durch wiederholte Konfrontation mit Zurücksetzung, und dann bekommt die, bei der es ankommt, den Auftrag, an sich zu arbeiten. Der ganze Ratschlag, mehr an sich zu glauben, richtet sich an die Person und lässt die Verhältnisse, die den Zweifel erzeugen, unberührt.
Der Begriff Hochstaplerin führt ohnehin in die Irre. Eine Hochstaplerin täuscht etwas vor, das sie nicht hat. Die Frau auf der Party täuscht nichts vor. Sie kennt nur keinen Zustand, in dem die Beweisführung erledigt wäre, und darin liegt sie nicht falsch. Gregory Walton und Geoffrey Cohen haben 2007 gezeigt, wie messbar das ist: Schon die Andeutung, in einem Umfeld womöglich wenige Verbündete zu haben, ließ bei Menschen aus Gruppen, deren Zugehörigkeit gesellschaftlich in Frage steht, das Zugehörigkeitsgefühl einbrechen, während die anderen unberührt blieben. Das Gefühl ist ein verlässlicher Bericht aus einer Umgebung, in der der Nachweis tatsächlich nie als erbracht gilt.
Die Anforderungsliste ist keine Prüfungsordnung
Tara Mohr hat 2014, ebenfalls in der Harvard Business Review, die vielzitierte Zahl eingeordnet, nach der Männer sich auf eine Stelle bewerben, wenn sie 60 Prozent der Anforderungen erfüllen, und Frauen erst bei 100 Prozent. Der übliche Schluss daraus lautet, Frauen müssten selbstbewusster werden. Mohrs eigener Schluss ist ein anderer. Was die Frauen zurückhielt, war keine falsche Einschätzung ihrer selbst, sondern eine falsche Einschätzung des Verfahrens. Sie lasen die Liste als Prüfungsordnung, an der man scheitert, wenn ein Punkt fehlt. Sie lasen sie so, weil sie gelernt haben, dass für sie Prüfungsordnungen gelten.
Wer sich erst mit lückenloser Qualifikation zeigt, hat unter diesen Bedingungen keinen Denkfehler gemacht. Julio Mancuso-Tradenta und Ananta Neelim von der La Trobe und der RMIT University haben 2018 nachgezeichnet, dass Frauen für Selbstdarstellung reale soziale Strafen fürchten müssen, weil sie damit gegen Bescheidenheitsnormen verstoßen. Dieselbe Aussage, einmal bescheiden und einmal selbstbewusst formuliert, wurde in der bescheidenen Variante von einer klaren Mehrheit als angemessener bewertet. Das vorauseilende Nur in der Buchhaltung ist damit keine Charakterfrage. Es ist die Antwort auf ein Publikum, das die selbstbewusste Variante quittiert, und diese Antwort lohnt sich oft genug, um zur Gewohnheit zu werden.
Wer nach dem Beleg fragt
Es gibt eine Bewegung, die den ganzen Mechanismus in einer Geste zeigt. Eine Frau schreibt öffentlich etwas über ihr Feld, eine Beobachtung, eine These, und unter dem Text steht die Frage: Gibt es dazu eine Studie? Die Frage klingt sachlich und ist es manchmal auch. Oft ist sie das Meeting aus Shari Dunns Beschreibung, in dem die Antwort auf einen klugen Beitrag nie das wusste ich nicht lautet, sondern woher weißt du das. Der Beitrag wird nicht gehört, sondern geprüft, und die Prüfung beginnt jedes Mal von vorn.
Man kann diese Frage beantworten. Man kann die Studien liefern, Honneth und Tulshyan und Mohr und Walton und Cohen, so wie hier. Aber die Belege lösen das Problem nicht, sie füttern es. Je gründlicher die Frau ihre Zugehörigkeit nachweist, desto selbstverständlicher wird es, dass sie sie nachweisen muss. Der Ausweg liegt nicht in einem weiteren Beleg. Er liegt in dem Moment, in dem die Frau auf der Party ihren zweiten Satz sagt, und den dritten, und aufhört zu warten, dass ihr jemand bestätigt, dass sie darf.
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