Ausruhen steht auf meiner To-do-Liste

Letzte Woche habe ich nicht gepostet. Ich hatte mir eine Auszeit verordnet, weil ich erschöpft bin. Es steht vieles an, mein Kopf kommt nicht runter und der Plan war denkbar einfach: eine Woche nichts, danach geht es weiter.

Es ging nicht weiter. In der Auszeit saß ein Chor von Fragen, der lauter wurde, je stiller es um mich war. Worüber kann ich noch erzählen? Läuft der Algorithmus ohne mich weiter? Wie geht es mit meinem Leben weiter? Dazwischen die alltäglichen Dinge, die trotzdem erledigt werden wollen. Und darunter, leiser, die Enttäuschung über mich selbst: kein Sport in letzter Zeit, keine Reflexion, keine stillen Stunden. Weil sich selbst das Innehalten nach Arbeit anfühlt.

An diesem Punkt bin ich stutzig geworden. Wenn sogar die Erholung zu einer Aufgabe wird, die ich nicht erledige, dann stimmt vielleicht etwas mit der Rechnung nicht, in der ich die einzige Variable bin.

Die einzige Variable

Die Soziologie hat für diese Rechnung einen Namen: Individualisierung der Erschöpfung. Der Kulturtheoretiker Mark Fisher hat beschrieben, wie psychische Leiden systematisch depolitisiert werden, statt sie als Beleg dafür zu lesen, was ein Wirtschaftssystem seine Leute kostet. Wer erschöpft ist, soll die Ursachen in der eigenen Gehirnchemie suchen, in der persönlichen Biografie, im mangelnden Stressmanagement. Die Erziehungswissenschaftlerin Eva Borst hat es 2021 für die GEW noch direkter formuliert: Die Lösung wird in die Verantwortung des Individuums gelegt, dem nur bleibt, die eigene Psyche so lange zu manipulieren, bis sie sich an die äußeren Umstände anpasst. Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es dann, und die Vereinzelung nimmt weiter zu.

Wenn Erschöpfung als individuelles Problem behandelt wird, verschwinden die Muster, die sie erst zeigen. Die Krankenkassen sehen sie trotzdem. Der DAK-Psychreport, ausgewertet vom IGES Institut auf Basis von 2,42 Millionen Versicherten, zählt für 2024 bei Frauen 431 Fehltage je 100 Versicherte wegen psychischer Erkrankungen. Bei Männern sind es 266, also ein um über 60 Prozent geringeres Volumen. Der BKK Dachverband kommt für dasselbe Jahr auf 475 gegenüber 312 Ausfalltagen je 100 Beschäftigte, rund 50 Prozent Unterschied. Zwei Kassen, zwei Methoden, dieselbe Richtung. Erschöpfung hat ein Geschlecht und trotzdem wird sie behandelt, als wäre sie eine Frage der persönlichen Einstellung.

Wenn das Werkzeug zur Diagnose wird

Die gängige Antwort darauf kennst du: Resilienztraining, Achtsamkeits-App, kalt duschen. Die Kritik daran hat inzwischen einen eigenen Begriff, toxische Resilienz. Gemeint ist der Zustand, in dem Menschen körperliche Warnsignale so lange ignorieren, bis das System kollabiert, weil Pausen und das Eingeständnis von Erschöpfung im Job als Karrierehindernis gelten oder als persönliches Versagen. Die Soziologin Stefanie Graefe hat in ihrer Studie zum Resilienzbegriff gezeigt, wohin die erstrebte Anpassung der Einzelnen an die Strukturen führt: zur Verohnmächtigung. Das Gegenteil der Selbstwirksamkeit, die das Training verspricht.

Rastlos und müde zugleich

Dazu kommt eine Umgebung, die Müdigkeit und Rastlosigkeit gleichzeitig herstellt. Eine IU-Studie von 2026 unter 2.000 Menschen zwischen 16 und 65 in Deutschland zeigt es. 32 Prozent fühlen sich am Ende des Tages häufig oder täglich mental erschöpft. 44,3 Prozent sind von der Menge digitaler Informationen überfordert. Die Forschung zu sozialen Medien (Yao et al. 2023) beschreibt, was besonders die passive Nutzung anrichtet: wenig Konzentration, keine Flow-Erlebnisse, dafür Leere und die permanente Konfrontation mit idealisierten Leben, die im Vergleich das eigene abwerten. Scrollen macht müde und wach zugleich. Genau die Mischung, die ich meine, wenn ich sage, mein Kopf kommt nicht runter.

Der Widerspruch, in dem ich schreibe

Und ich veröffentliche diesen Text hier, poste ihn als Beitrag auf LinkedIn. Auf der Plattform, deren Logik mich müde macht, erzähle ich, dass ich müde bin. Das ist der Widerspruch, in dem diese ganze Debatte steckt: Sichtbarkeit ist Teil meiner Arbeit und Erschöpfung ist inzwischen Teil der Sichtbarkeit. Aussteigen ist im Modell nicht vorgesehen, jedenfalls für eine Einzelne mit laufenden Rechnungen.

Graefe selbst schränkt ein. Nichts spreche dagegen, benachteiligte Kinder, chronisch Kranke, Geflüchtete und auch gestresste Arbeitnehmerinnen darin zu unterstützen, dass sie nicht depressiv werden und sich nicht ohnmächtig fühlen. Und die Resilienzforschung hat empirisch belegt, dass gelingende Biografien trotz ungünstiger Bedingungen möglich sind (Gabriel 2005). Werkzeuge helfen. Was mich wütend macht, ist der Moment, in dem das Werkzeug zur Diagnose wird: Du bist müde, also machst du etwas falsch.

Ich bin immer noch müde. Der Sport wartet, die stillen Stunden warten, die Liste wartet. Vielleicht schaffe ich davon auch diese Woche wenig. Aber ich habe aufgehört, das für eine Charakterfrage zu halten.

Quellen
  • Mark Fisher, zit. n. „Die Individualisierung der Erschöpfung: Eine soziologische Zeitdiagnose spätkapitalistischer Subjektivierung“
  • Eva Borst: „Das Geschäft mit der Resilienz“, GEW NRW, 2021
  • DAK-Psychreport 2025 (IGES Institut, Daten 2024, 2,42 Mio. Versicherte): 431 vs. 266 Fehltage je 100 Versicherte
  • BKK Dachverband, 2025 (Berichtsjahr 2024): 475 vs. 312 Ausfalltage je 100 Beschäftigte
  • Stefanie Graefe: „Resilienz im Krisenkapitalismus“, socialnet Rezension, 2020
  • „Das Dispositiv der Anpassung: Eine kritische Rekonstruktion des Resilienzbegriffs“ (o. J.)
  • IU-Studie „Deutschland im digitalen Dauerstress“, 2026 (n = 2.000, 16–65 Jahre)
  • Yao et al., 2023, zu passiver Social-Media-Nutzung und sozialen Vergleichsprozessen
  • Thomas Gabriel: „Resilienz – Kritik und Perspektiven“, peDOCS, 2005

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