Mein Körper hat mir gekündigt, bevor der Markt es tun konnte

Maskenbild war mein Wunsch, seit ich sechzehn war. Mit Mitte dreißig habe ich angefangen, es zu studieren. Spät, aber bewusst. Ich habe neben dem Studium im Bereich gearbeitet und es hat gepasst. Jetzt bin ich zweiundvierzig, kurz nach dem Abschluss, und mein Körper macht nicht mehr so mit. Der Rhythmus ist ein anderer geworden, die Bedürfnisse auch. Ich bin angekommen und muss trotzdem weiterziehen.

Das klingt nach meiner privaten Geschichte, einer Frau, die spät ihren Beruf findet und kurz danach körperlich an Grenzen stößt. Es ist eine arbeitsmarktpolitische Geschichte, und sehr viele Frauen kennen sie.

Der Arbeitsmarkt rechnet mit einem Menschen, den es nicht gibt

Die Arbeitswelt rechnet mit einem Idealmenschen, den es nicht gibt. Er ist immer verfügbar, hat keine Care-Verpflichtungen, wird nicht müde. Die Soziologin Joan Acker hat ihn vor Jahrzehnten beschrieben, eine Forschungsgruppe der Universität Bern hat ihn jüngst wiederentdeckt. Erst seit Kurzem wächst das Bewusstsein, dass arbeitende Menschen Körper haben und Bedürfnisse, die sich je nach Geschlecht unterscheiden.

Dieser Idealarbeiter altert nicht. Er hat keine zyklischen Schwankungen, keine Hitzewallungen um drei Uhr nachts, keine biologische Transformation in der Lebensmitte. Der reale, verletzliche Körper kommt in diesem Modell schlicht nicht vor.

Solange dein Körper sich an dieses Phantom anpasst, fällst du nicht auf. Das Problem beginnt in dem Moment, in dem er sich verändert. Und für Frauen kommt dieser Moment mit großer Verlässlichkeit irgendwann zwischen vierzig und fünfzig. Genau dann, wenn sie beruflich erfahren genug wären, um zu führen.

Die Zahlen des Rückzugs

Es lohnt sich, an dieser Stelle nicht über Gefühle zu reden, sondern über Erhebungen. Die Studie MenoSupport Suisse hat 2025 in der Schweiz 2.259 berufstätige Frauen zwischen dreißig und siebenundsechzig befragt. Das Ergebnis: Rund dreißig Prozent der Frauen in den Wechseljahren treffen die einsame Entscheidung, das Pensum zu reduzieren, zu kündigen, eine Führungsaufgabe abzulehnen oder sich frühzeitig pensionieren zu lassen. Aufgeschlüsselt heißt das, gut zwanzig Prozent reduzierten ihr Pensum, über sechzehn Prozent wechselten die Stelle, dreizehn Prozent nahmen eine Auszeit.

Das Wort, auf das es ankommt, ist „einsame Entscheidung“. Diese Frauen verhandeln nicht mit ihrem Arbeitgeber über eine Anpassung. Sie ziehen sich zurück, still, einzeln, ohne dass jemand den Zusammenhang sieht.

Für Deutschland liefert die DAK 2025 die passende Größenordnung. Befragt wurden 2.500 berufstätige Frauen zwischen vierzig und zweiundsechzig. Sechsundachtzig Prozent von ihnen haben Wechseljahresbeschwerden bereits erlebt. Drei von zehn fühlen sich dadurch in ihrem Arbeitsleben beeinträchtigt.

Lies diese beiden Befunde zusammen. Die Beschwerden sind fast universell, die Beeinträchtigung im Job betrifft ein Drittel, und ein Drittel zieht berufliche Konsequenzen. Was wie die Einzelgeschichte einer Frau mit schwachen Nerven erzählt wird, steht in den Zahlen als Muster.

Schichtarbeit macht aus einem Symptom eine Austrittspforte

Maskenbild ist selten als Schichtarbeit benannt, und doch ist es welche. Frühschicht heißt um halb fünf aufstehen, vor sechs am Set, zwölf Stunden auf den Beinen, dazu Nachtdrehs und Zeiten, die jede Woche anders liegen. Schicht- und Nachtarbeit greifen in den körpereigenen Rhythmus ein. Die Forschung nennt das Chronodisruption: Licht zur falschen Zeit, verschobene Schlafphasen, der innere Takt entkoppelt sich vom äußeren. Auf einen Körper, der ohnehin gerade umbaut, wirkt das wie ein Verstärker.

Eine Untersuchung unter knapp neunzehnhundert Rettungsdienstmitarbeitenden des britischen NHS zeigt die Diskrepanz mit aller Deutlichkeit. Wer Schicht arbeitet, klagt über signifikant schwerere Hitzewallungen, extreme Müdigkeit, nächtliche Schweißausbrüche und Magen-Darm-Beschwerden als Frauen im Büro. Starre Schichtpläne und körperliche Belastung verschlimmern die Symptome drastisch.

Jetzt die Pointe, die selten ausgesprochen wird. Die Berufe mit den härtesten Schichten sind weiblich besetzt. Pflege, Reinigung, Verkauf, über sechzig Prozent Frauenanteil. Das sind die Berufe, in denen man sich am wenigsten herausnehmen kann, mal später anzufangen oder einen Tag zu Hause zu erholen. Der Körper meldet sich am lautesten genau dort, wo der Arbeitsplatz am wenigsten Spielraum lässt.

Mein Set war privilegierter als eine Pflegestation. Mein Körper hat mir trotzdem gekündigt, bevor der Markt es tun konnte. Ich bin weiter Maskenbildnerin, aber freiberuflich statt fest, und daneben mache ich FEMPOWER.ME und führe Seminare. Drei Standbeine, die ich meinem Rhythmus angepasst habe, statt mich seinem Verschwinden zu überlassen. Ich weiß, dass das ein Luxus ist. Ich finde, dass es keiner sein sollte.

Was der Rückzug kostet

Wer das für ein privates Frauenthema hält, sollte sich die Rechnung ansehen. Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin beziffert den jährlichen Schaden durch unzureichend versorgte Wechseljahresbeschwerden für die deutsche Volkswirtschaft auf rund neuneinhalb Milliarden Euro. Grundlage sind die rund vierzig Millionen Arbeitstage, die rechnerisch ausfallen, bei etwa 6,7 Millionen erwerbstätigen Frauen zwischen fünfzig und fünfundsechzig.

Für die einzelne Frau ist die Rechnung noch unmittelbarer. Eine Stanford-Studie zeigt, dass Frauen, die wegen mittelschwerer bis schwerer Beschwerden ärztliche Hilfe suchen, vier Jahre später im Schnitt zehn Prozent weniger verdienen. Ein vollständiger vorzeitiger Ausstieg verdoppelt den Verlust und summiert sich über die Rente auf einen sechsstelligen Betrag. Der Körper verändert sich, und am Ende steht eine Lücke im Rentenbescheid.

Das ist der Mechanismus, den ich meine, wenn ich von einer ökonomischen Austrittspforte spreche. Es gibt keine Tür mit einem Schild. Es gibt einen Körper, der sich meldet, eine Arbeitswelt ohne Antwort darauf, und eine Frau, die irgendwann leiser tritt. Der Austritt sieht aus wie eine persönliche Wahl. Er ist die Folge einer fehlenden Anpassung.

Es geht auch anders, und das ist der Punkt

In Großbritannien rechnen Unternehmen anders. Bei Tesco, über dreihunderttausend Beschäftigte, werden Fehlzeiten, die mit den Wechseljahren zusammenhängen, aus der regulären Fehlzeitenstatistik herausgerechnet. Entscheidend ist die Hürde, und die ist absichtlich niedrig. Kein Attest, keine Diagnose, eine Selbsterklärung genügt. Beim Sender Channel 4 kann eine Frau bei akuten Symptomen ihrer Führungskraft schlicht sagen, dass sie nicht arbeitsfähig ist, und bis zu sieben Tage bezahlt fehlen, ohne ärztliche Bescheinigung.

Das ist kein Detail. Solange häufige kurze Ausfälle automatisch Disziplinarstufen auslösen, melden Frauen sich mit Migräne oder Magenproblemen krank, statt den wahren Grund zu nennen. Das Herausrechnen wirkt nur, wenn frau sich traut, die Wahrheit zu sagen. Eine strikte Nachweispflicht würde genau das verhindern.

Wo Betriebe maßgeschneiderte Unterstützung, flexible Modelle und eine offene Kultur etablieren, steigt die Mitarbeiterbindung im Schnitt deutlich, und über die Hälfte der betroffenen Frauen berichtet von höherer Produktivität. Der Grund ist unspektakulär. Es entfällt der psychische Druck der Geheimhaltung. Wer nicht mehr verstecken muss, dass der Körper Arbeit verlangt, hat den Kopf wieder für die eigentliche Arbeit frei.

Diese Beispiele zeigen, dass der Rückzug keine Naturgewalt ist. Die vierzig Millionen Arbeitstage entstehen in einer Arbeitswelt, die einen körperlosen Menschen erwartet und alle ausbremst, deren Körper sich daran nicht hält.

Ich mache weiter Maskenbild, nur zu meinen Bedingungen. Was mir eine Weile wie ein persönliches Versagen vorkam, war der Punkt, an dem eine erfahrene Frau aus einem System fällt, das ihren veränderten Körper nicht eingeplant hat. Die Frage ist nicht, ob Frauen sich an die Arbeitswelt anpassen. Die Frage ist, wann die Arbeitswelt anfängt, mit Körpern zu rechnen, die es wirklich gibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert



Scroll back to top